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Elbnahe Regionen reichlich Nachwuchs : Gedränge im Storchennest

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Volles Haus bei den Weißstorch-Pärchen in der Region. Vier oder sogar fünf Junge in einem Horst sind in diesem Jahr vor allem in Elbnähe keine Seltenheit. Das Hochwasser war für die Störche gut.

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erstellt am 15.Jul.2013 | 07:50 Uhr

Ludwigslust/Lübtheen | Volles Haus bei den Weißstorch-Pärchen in der Region. Vier oder sogar fünf Junge in einem Horst sind in diesem Jahr vor allem in Elbnähe keine Seltenheit. "Das Hochwasser war für die Störche gut", sagt Helmut Eggers, Storchenexperte aus Lübtheen. "Viele Flächen waren überflutet und nicht nutzbar, an anderen Stellen sorgte Qualmwasser für reichlich Feuchtigkeit. Das bescherte den Störchen Futter ohne Ende." Während die Alten Mäuse und Frösche mögen, sind für die Jungvögel anfangs vor allem Regenwürmer gefragt.

Im Altkreis Ludwigslust haben acht Paare jeweils vier Junge, in Heiddorf und Schmölen sind es je fünf. Zwölfmal vier Junge hat Eggers im Amt Neuhaus, das ebenfalls zu seinem Zuständigkeitsbereich gehört, gezählt. Ein Storchenpaar hat fünf Junge. "Das kann man vom ,Wiesenhof-Cafe’ in Stiepelse aus wunderbar bei der Aufzucht beobachten", so sein Tipp für Naturliebhaber. Insgesamt ziehen die 43 Paare im Amt Neuhaus - sieben mehr als im Vorjahr - 105 Junge auf. Im Altkreis Ludwigslust ist Meister Adebar bei der Reproduktion nicht ganz so fleißig. Dort gibt es 183 Junge bei 93 Paaren - zwei mehr als 2012. Diesen Unterschied gebe es immer, weil die Störche im Elbvorland bessere Bedingungen für die Nahrungssuche haben, so Eggers. In diesem Jahr sei er jedoch besonders ausgeprägt.

Acht Tage lang war Helmut Eggers unterwegs, um die Jungstörche zu beringen. Mit Hilfe von Hubsteigern, die die Wemag AG und die Firma Bartels aus Lehsen zur Verfügung stellten, fuhr er zu den Horsten hinauf. Während die Altvögel die ungebetenen Gäste aus sicherer Entfernung oder über dem Nest kreisend beobachteten, konnte Eggers den Jungen die Ringe anlegen. Sie enthalten eine fortlaufende Nummer und eine Kennzeichnung der zuständigen Vogelwarte, in diesem Fall der Vogelwarte Hiddensee. Dadurch kann jeder Storch zu jeder Zeit wiedererkannt werden. "So können wir Erkenntnisse über die Zugwege, über Lebensalter, Partner- und Nesttreue gewinnen, die allerdings schon recht gut belegt sind", erklärt der Lübtheener, der an einem vom Max-Planck-Institut geleiteten deutsch-israelischen Forschungsprojekt beteiligt ist. "Aber es gibt auch viele Dinge, die noch nicht erforscht sind, wie etwa die Nahrungssuche." So sei der Gudower Storch schon bei der Nahrungssuche bei Dellien gesehen worden. "Da muss er eine ganz schöne Strecke geflogen sein."

Nicht überall konnte Helmut Eggers mit Helfern und Technik direkt bis zu den Storchennestern vordringen. Vor allem im Amt Neuhaus musste er wegen der Hochwasser-Folgen oft zu Fuß anrücken und eine Sprossenleiter hinaufklettern. "Wie in alten Zeiten", kommentiert der 59-Jährige die erschwerten Bedingungen. In den ersten Jahren seiner inzwischen 43-jährigen Beringungsmission war er immer mit Moped und Holzleiter unterwegs.

Die häufigen Starkregenfälle in den vergangenen Wochen haben den Störchen in unserer Region nicht geschadet. Die Jungvögel waren noch klein genug, um von ihren Eltern abgedeckt werden zu können. Wo die Jungstörche schon größer waren, seien viele verendet. "Sie werden nicht trocken und verkühlen sich", erklärt Helmut Eggers. In Vorpommern hätte es deshalb starke Verluste gegeben.

Wenn in irgendeinem Nest etwas nicht stimmt, erfährt es Eggers zuerst von den Nestbetreuern. Das sind Anwohner, die den Horst Tag für Tag vor Augen haben, die Ankunft ihrer Störche genauso erwarten wie die ersten Flugversuche der Kleinen. Häufig haben sie jedes Jahr denselben Storch im Blick, wenn auch nicht immer mit demselben Partner. "Störche sind eher mit ihrem Nest verheiratet als mit dem Partner", erklärt Helmut Eggers. "Ist bei ihrer Ankunft schon ein anderer Altvogel auf dem gewohnten Horst, paaren sie sich eben mit diesem."

So scheint auch das Weibchen, das jahrelang in Kummer nistete, diesmal zu spät gekommen zu sein. Es wurde jetzt auf einem Horst in Ludwigslust gesichtet, allerdings ohne Nachwuchs. "Das Grünland rundherum war umgebrochen worden", sagt der Storchenexperte. "Grünland ist für den Storch aber die beste Nahrungsquelle. Leider gibt es davon immer weniger." Ob das fehlende Grünland die Ursache für die Kinderlosigkeit des Ludwigsluster Storchenpaares war, sei jedoch nicht sicher, so Eggers. In Kummer gab es jedenfalls Nachwuchs.

Einige Störche werden auch mit GPS-Sendern ausgerüstet, um sie bei ihrem Zug gen Süden verfolgen zu können. Wenn sich die Vögel startklar machen, wird auch Helmut Eggers jedes Jahr unruhig. Er begleitet sie von Lübtheen aus bis zur syrischen Grenze. "Israel ist Dreh- und Angelpunkt des Storchenzuges, ganz Europa kommt da durch", so der Storchenbeauftragte, der er nach eigener Aussage allerdings offiziell noch gar nicht ist. Es sei beeindruckend, wenn man dort 20 000 Störche auf einmal landen sieht. Von Israel aus ziehen sie dann über Rotes Meer und Nil weiter in den Tschad, einige noch weiter bis nach Südafrika. Allerdings reisen nicht alle Störche so weit, um dem nordischen Winter zu entgehen. Einige Westzieher bleiben auf ihrem Zug über Gibraltar nach Afrika in Spanien hängen. "Meine beiden Westzieher aus Bitter-Herrenhof und Gothmann habe ich im Januar schon auf einer Mülldeponie am Stadtrand von Madrid entdeckt", so der Ornithologe. Weil sie den kürzesten Weg haben, sind sie alljährlich die Ersten, die aus dem Süden zurückgekehrt sind.

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