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Zarrentin: Rückzug von Jürgen Baumgarten : Frustriert alle politischen Ämter niedergelegt

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Es war der Tag vor seinem 66. Geburtstag, an dem er endgültig die Nase voll hatte von der Kommunalpolitik, von den verkrusteten Strukturen, der Gleichgültigkeit, dem erfolglosen Abstrampeln in irgendwelchen Sitzungen.

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erstellt am 11.Mär.2012 | 05:19 Uhr

Neuhof | Es war der Tag vor seinem 66. Geburtstag, an dem er endgültig die Nase voll hatte von der Kommunalpolitik, von den verkrusteten Strukturen, der Gleichgültigkeit, dem erfolglosen Abstrampeln in irgendwelchen Sitzungen. Seitdem ist Jürgen Baumgarten kein Ortsteilvertreter Neuhofs mehr, er legte sein Mandat für die Zarrentiner Stadtvertretung nieder und er ist auch kein Mitglied des Kreistages mehr. "Aus gesundheitlichen Gründen", schrieb er als Begründung. Das stimmt natürlich nicht, sorgte jedoch für gewaltige Spekulationen.

Im Gespräch mit der Schweriner Volkszeitung legt der nach wie vor erfolgreiche Unternehmer nun seine wahren Gründe für den kompletten Rückzug aus der Kommunalpolitik dar.

Herr Baumgarten, wo liegt denn nun der wirkliche Grund für ihren Rückzug. Denn gesund sehen sie eigentlich aus?

Jürgen Baumgarten: Das bin ich auch, ich hatte nur keine Lust auf unnötige Diskussionen. Denn die hatte ich in den vergangenen Jahren genug. Jetzt, wo mich aber jeder besorgt fragt, wie krank ich denn bin, will ich dann doch reagieren. Der wahre Grund für den Rückzug? Ich bin, um im Bild zu bleiben, verschnupft. Und ich habe schlicht den Glauben verloren, dass ich in Neuhof, in Zarrentin aber auch im Kreistag irgendwas bewegen kann.

Also war es doch keine Kurzschlussreaktion?

Nein, mit der Idee bin ich schon lange schwanger gelaufen. Eigentlich wollte ich in Zarrentin schon kurz nach der Wahl hinwerfen, als ich merkte, dass nach wie vor gekungelt wird, dass die Verwaltung weiter macht was sie will und wie sie will und das auch Bürgermeisterin Greta Glass gar nicht daran denkt, sich und ihren Arbeitsstil zu ändern. Dabei waren wir doch alle angetreten, sehr viel zu ändern.

Muss man dann gleich zurücktreten und alles hinwerfen?

Natürlich nicht. Aber wenn man immer wieder erlebt, wie es läuft und das sich nichts bewegt, dann fragt man sich mit 66 Jahren schon, ab man das alles noch haben muss. Wir regen uns über die große Politik auf, doch im Kleinen wird es ganz genau gemacht. Da werden Protokolle über Protokolle geschrieben, nichts passiert. Ich hatte ja wenigstens gehofft, dass wir in Zarrentin aus den Fehlern, wie sie z. B. in Lassahn passiert, lernen würden. Aber nichts geschieht, und alle machen schön mit.

Was hat denn ihren Frust konkret ausgelöst?

Der seit Monaten so sinnlose Streit um den Drönnewitzer Weg und jetzt die irrwitzigen Pläne der Verwaltung, zehntausende Euro für den aus meiner Sicht völlig überflüssigen Ausbau zweier Toiletten im Zarrentiner Rathaus ausgeben zu wollen.

Die Verwaltung behauptet aber, der Ausbau sei auch wegen der 20 Arbeitsplätze im Rathaus dringend nötig?

Aber doch nicht für jeweils 18 000 Euro, außerdem hatten wir uns im Ausschuss doch ganz anders geeinigt. Nein, es ist wie immer. Da wird für irgendetwas fröhlich Geld ausgegeben, das man gar nicht hat und was mit den Notwendigkeiten nichts zu tun hat. Noch einmal: Zarrentin ist schon jetzt bis zur Halskrause verschuldet, und es wird noch viel schlimmer werden, wenn der Time-Park zur Kasse bittet. Nach meinen Informationen geht es da um mehr als eine Million Euro. Statt wie bisher weiter Geld auszugeben, müsste sich Zarrentin eigentlich fragen, wie lange man sich eine ineffiziente und wohl auch nicht reformierbare Verwaltung noch leisten kann. Und sollten wir nicht lieber im Sinne der Bürger mit Wittenburg und Hagenow zusammengehen?

Mit ihrem Rückzug gab es eine Menge Gerüchte um sie. Hatten sie mit diesem Echo gerechnet?

Nicht so extrem. Ich will mich nicht beschweren, ich habe immer auch gern in der Öffentlichkeit gestanden, das kommt aus meiner Zeit als Motorradartist. Aber ich bin weder schwerkrank, noch weg aus Neuhof. Meine Firmen, von denen eine zum großen Konzern Mabanaft gehört, sind auch nicht pleite, sondern werfen vorzüglichen Gewinn ab. Wer mir nicht glaubt, kann das in den vorgeschriebenen Veröffentlichungen gern nachlesen. Ich bleibe auch wirtschaftlich tätig in der Region, die Investitionen in Wittenburg werden z. B. weiter fortgeführt. Es ist nur merkwürdig, wer sich alles so Gedanken macht, wer glaubt, etwas zu wissen. Es ist auch viel Gehässigkeit im Spiel.

Unabhängig von Stress und Frust in und um Zarrentin, warum haben sie denn auch das Kreistagsmandat für die CDU niedergelegt?

Weil es dort ähnlich ist. Wir kommen nicht voran, die Parchimer haben mehr oder weniger das Kommando übernommen. Der Kreistag ist größer als der Landtag, vieles ist unpersönlicher. Es fehlt die Linie, das Ziel. Es ist doch komisch, wenn man sich mit Leuten aus anderen Fraktionen oft besser versteht als mit denen aus der eigenen Fraktion. Für mich ist der Kreistag zur Alibi-Veranstaltung verkommen. Da können sich jetzt andere austoben.

Sie hatten bei der Kommunalwahl in Zarrentin mit Abstand die meisten Stimmen aller Bewerber. Durch Sie ist so mancher CDU-Kandidat erst in die Vertretung gekommen. Müssen diese Wähler nicht enttäuscht sein?

Sicher, ganz genau so wie ich. Als Bürgermeister, der ich ja werden wollte, hätte ich sicher was ändern können. So aber nicht, da laufe ich mich müde und muss mich am Ende noch von meinen Nachbarn beschimpfen lassen. Darauf habe ich nun wirklich keine Lust mehr.

Und nun? War es das jetzt? Schließlich waren sie schon mit 16 CDU-Mitglied und haben seit 1978 in der Kommunalpolitik gearbeitet.

Man muss keinen Posten in der Kommunalpolitik haben, um helfen zu können. Ich bleibe Unternehmer, mein Bett steht weiter in Neuhof und ich habe immer noch genug Kontakte, um Bürgern in konkret helfen zu können. Auch wenn mancher das vermutet, bin ich ja nie in die Politik gegangen, um etwa meinen Geschäften zu nutzen. Meist ist das Gegenteil passiert. Ich denke, dass ich nun auch freier agieren kann auch im Sinne meiner Mitarbeiter.

Gab es denn auch schon mitfühlende Reaktionen zum politischen Rücktritt?

Eine ganze Menge, zum Beispiel habe ich vom Landrat einen sehr fairen Brief bekommen, und wir waren ja nun wirklich nicht die dicken politischen Freunde.

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