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Hagenower Kreisblatt

23. Oktober 2017 | 04:53 Uhr

Boizenburg : Freunde sagen: Omar soll bleiben!

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Omar soll trotz Folterung durch den IS zurück in den Libanon. Seine Boizenburger Freunde gründeten eine Initiative, um für ihn zu kämpfen

svz.de von
erstellt am 20.Jan.2017 | 05:00 Uhr

Eigentlich fing das neue Jahr prima an für Omar. Am 2. Januar erhielt er von der Ausländerbehörde in Parchim einen Brief mit seiner Aufenthaltsgestattung. Doch nur zwei Tage später schrieb ihm das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), er möge innerhalb von 30 Tagen Deutschland verlassen und in sein Heimatland Libanon zurückkehren, sonst werde er abgeschoben. Dabei ist Omar im Herbst 2015 nicht aus Langeweile nach Deutschland geflohen. „Ich habe keine Religion“, erklärte Omar im Gespräch mit dieser Zeitung. „Außerdem war ich Lkw-Fahrer für eine Spedition und habe für die Alkohol transportiert.“ Beides sehen Muslime nicht gern, aber fundamentalistische Islamisten wie die Kämpfer für den Islamischen Staat (IS), von Al-Nusra oder der Fatah, die alle im Libanon derzeit aktiv sind, schon gar nicht. „Leute vom IS kamen und wollten deshalb Geld von mir“, erzählt Omar weiter. „Aber ich wollte nicht bezahlen.“ Er glaubte sich nicht bedroht, schließlich ist in der libanesischen Verfassung das Recht auf Religionsfreiheit verankert.


„Sie fuhren mehrmals mit dem Auto über mich“

„Doch dann kamen sie mit dem Auto. Sie drängten mein Auto von der Straße ab, zogen mich heraus und schnitten mit einem Cuttermesser in meine Zunge (Omar zeigt seine Zunge, die einen sehr tiefen Einschnitt in Form eines Kreuzes hat). Sie fuhren mehrmals mit dem Auto über mich drüber.“ Der junge Mann wurde gefunden und ins Krankenhaus gebracht, in dem er lange Zeit verbringen musste. „Ich habe jetzt drei Schrauben im Oberschenkel“, meint Omar.

Das BAMF ist nun der Meinung, Omar könne trotzdem in den Libanon zurückkehren. Schließlich sei er ja vom IS nicht getötet worden. „Des Weiteren ist es fraglich, warum die Angreifer dem Antragsteller ein Kreuz in die Zunge geschnitten hätten. Aus den Aussagen des Antragstellers ist nicht ersichtlich, welchen Sinn dies gehabt haben könnte. Zumal die Angreifer ihm damit gedroht hätten, ihn umzubringen. Schließlich und endlich haben die Angreifer dies aber nicht getan“, heißt es tatsächlich in dem Schreiben. Und außerdem sei ja in der libanesischen Verfassung das Recht auf Religionsfreiheit verankert ...

„Omar kam am 14. Oktober 2015 in der Notunterkunft für Flüchtlinge in Zahrensdorf an“, erinnert sich Manuel, der wie viele andere Menschen aus der Region dort ehrenamtlich half, „genau an meinem Geburtstag.“ Offensichtlich erwies sich der gepeinigte Libanese nicht nur für ihn, sondern für viele andere Boizenburger als Geschenk, denn die vier von ihnen, die Omar zu dem Gespräch mit der SVZ begleiten, kommen aus dem Schwärmen nicht mehr heraus und werden kaum fertig mit der Aufzählung seiner guten Taten.

„Omar war immer da, wenn man ihn gefragt hat, ob er hilft“, sagen alle unisono. Er kochte für zahlreiche Veranstaltungen im Rahmen von „Demokratie leben“, im Fairhafen oder auf der MINNA und half beim Auf- und Abbau, war zweimal an Projekten am Elbe-Gymnasium für „Schule ohne Rassismus“ dabei, bei den „Asyldialogen“ im Kino und vieles mehr.

„Mir hat er auch bei der bei der Interkulturellen Woche in der Kita geholfen“, sagt Erzieherin Ricke. „Er hat sogar mit mir meine Wohnung gestrichen“, lächelt Michael.

Außerdem half Omar neun Monate auf einem Pferdehof und absolvierte sechs Wochen lang ein Praktikum im ASB-Seniorenheim.


Omar würde gern in der Altenpflege arbeiten

„Ich würde gern in der Altenpflege arbeiten“, sagt Omar. Er sei mit den älteren Herrschaften sehr gut klar gekommen und habe von ihnen viel Deutsch gelernt. „Und den älteren Damen flattern die Herzklappen, wenn sie Omar sehen“, grinst Manuel.

„Omar soll bleiben“, sagen seine Freunde. Sie haben für ihn eine gleichnamige Facebookseite eingerichtet, die www.facebook.com/omarbleibt/?pnref=story heißt. Dort beantwortet Omar in drei Videos Fragen wie: Wie ist es eigentlich im Libanon? Was hat dich dazu bewegt, aus deinem Land zu fliehen? Wie hast du die Flucht empfunden?

„Wir waren außerdem bei einem Anwalt in Rostock, der auf Asylrecht spezialisiert ist“, berichtet Manuel. Der Anwalt habe nun Klage eingereicht. Das Verfahren werde einige Monate dauern. Die Kosten von ungefähr 1  000 Euro teilt sich die Gruppe, die sich für Omar einsetzt, würde sich aber über Spenden dafür freuen.

„Am besten wäre, wenn Omar jetzt einen Ausbildungsplatz findet“, weiß Ricke. Die Gruppe hat ihre Fühler nach allen Seiten ausgestreckt, hatte bisher aber noch keinen Erfolg. „Offiziell braucht Omar dafür das Sprachzertifikat B1, besser noch B2. Aber er darf ja keinen Deutschkurs besuchen ...“, so Manuel. De facto sprich Omar aber schon so gut Deutsch, dass er gerade an diesem Tag eine syrische Familie zum Arzt begleitet hat, um für sie zu übersetzen und in den Deutschkursen der Willkommens-Initiative unterrichtet. Er hat sogar von den Senioren ein wenig Plattdeutsch gelernt. Zum Beispiel? „Schietwedder“, lacht er.

Wer für die Anwaltskosten spenden möchte: Kino-Club e.V.
IBAN: DE76 1405 2000 1713 8300 07 (Stichwort: Omar)

 

 

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