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Hagenower Kreisblatt

18. Dezember 2017 | 08:12 Uhr

Hagenow : Freie Träger im Wind des Marktes

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Der Kampf ums Personal für Kitas und Horte wird immer härter. Erzieher als Fachkräfte haben sehr guten Karten.

von
erstellt am 18.Aug.2017 | 21:00 Uhr

Personalmangel, Stellenwechsel, Gehaltspoker, Erpressungen, Doppelbewerbungen, wilde Forderungen von Quereinsteigern und das alles überlagert von einen Bürokratie- und Genehmigungsapparat, der sich daran klammert, nur Fachkräfte einzustellen. Wir sind im Personalbereich der Kindereinrichtungen und Horte. Und dort geht es turbulent zu, sehr turbulent. Leidtragende sind zunächst die Eltern, die in einigen Bereichen des Kreises Probleme haben, ihre Kinder unterzubringen. Nicht nur in Boizenburg gibt es Wartelisten. Leidtragende sind zunehmend aber auch diejenigen, die es lösen sollen, die Träger der Einrichtungen.

„Ich habe hier den Kopf und den Schreibtisch voll, die Lage ändert sich jeden Tag, und es wird nicht leichter“, weiß Norbert Meyer, der Geschäftsführer des Arbeitersamariterbundes Kreisverbandes Hagenow-Ludwigslust. Sein Verein betreibt in der Region derzeit sechs Kindereinrichtungen, in denen 650 Kinder von mehr als 50 Erziehern betreut werden. Doch der Markt für die Fachkräfte ist gewaltig in Bewegung gekommen, die Anmeldungen für Kindergärten und Hortplätze sind es auch. „Wir hatten ein Problem mit Hortplätzen in Vellahn, dort hätten wir fast 40 Plätze abmelden müssen, weil die Räume fehlten und wir uns auch um Personal kümmern müssen.“ Jetzt ist dieses Problem unter Mitwirkung des Kreises erst einmal gelöst worden. Auch durch die Umsetzung von zwei Mitarbeitern der bisherigen Vellahner Kita, die gestern offiziell ihr Abschiedsfest hatten. Am 2. Oktober eröffnet ja die neue Vellahner Kita, in der die bisherigen Einrichtungen von Rodenwalde, Camin und Vellahn aufgehen. Eilyn Brockmöller, die mit ihrem Jessenitzer Aus- und Weiterbildungsverein die Kita betreiben wird, hat nach eigenen Aussagen ihr Team inzwischen zusammen. Es hat allerdings Mühe gekostet und manche der neu Eingestellten fehlt nun anderswo.

Denn die Regeln sind trotz des Fachkräftemangels streng, sehr streng. Eigentlich wollen die Aufsichtsbehörden nur staatlich anerkannte Erzieher einstellen. Doch die sind rar und können sich inzwischen fast aussuchen, wo sie arbeiten. Die Gekniffenen sind die freien Träger. Denn die treten gegen den öffentlich rechtlichen Tarif an, wenn Gemeinden oder Städte noch die Träger sind. Und sie müssen sich mit den Tarifen in Niedersachsen und Schleswig-Holstein vergleichen lassen. „Praktikanten sind in dem System gar nicht vorgesehen, für die bekommen wir gar kein Geld. Nur verstehen das die Quereinsteiger nicht, die bei uns anrufen“, so Meyer. Hier müsse die Politik mal die Rahmenbedingungen ändern.

Das kann auch Dietmar Jonitz, der Kreisgeschäftsführer des DRK mit aktuell 20 Einrichtungen und mehr als 120 Erziehern nur bestätigen. Aktuell habe er noch nicht alle Positionen für seine Einrichtungen besetzen können. Das betrifft besonders den Hort in Boizenburg, wo die Lage schon lange angespannt ist. Hier hatte eine Kollegin, die eingestellt war gleich wieder gekündigt. Andere wurden abgeworben. Nun will Jonitz einen neuen Anlauf unternehmen. „Unterm Strich haben wir zu wenige Erzieher, die müssen nun ausgebildet werden. Angesichts der dafür nötigen Zeit, wird es wohl mindestens die kommenden drei Jahre sehr schwer bleiben.“

Allerdings ist der Druck nicht überall gleich, so gibt es im Landkreis doch ein deutliches Ost-West-Gefälle. In Zarrentin oder Boizenburg herrscht mehr Zuzug, sind die Zahlen unkalkulierbar geworden. Das hatte vor Wochen auch Boizenburgs Bürgermeister Harald Jäschke zugegeben. Die bisherigen Planzahlen würden nicht mehr stimmen.

Die freien Träger bleiben im Dilemma. Obwohl sie ihre Tarife angepasst haben, sind die Verdienstaussichten im öffentlichen Dienst doch noch größer. Meyer: „Manch einer meint, uns jetzt die Pistole auf die Brust setzen zu müssen. Doch das klappt auch nicht immer. Für meinen Bereich haben wir ein paar Neuanstellungen hinbekommen.“ Doch es bleibt heikel. Rückkehrer aus den alten Ländern, müssen z. B. oft eine berufsbegleitende Qualifizierung zum Erzieher machen. Das Bundesland will es so. Fazit von Meyer: „Gott sei Dank haben wir noch die Tagesmütter, die im Moment viel auffangen.“

„In den vier Kitas in Trägerschaft der Stadt Ludwigslust betreuen wir rund 500 Kinder“, so Bürgermeister Reinhard Mach. „Wir haben deshalb auch sehr viel Personal. Es ist ausreichend, wenn man davon ausgeht, dass wir den Personalschlüssel im Betreuungsverhältnis erreichen.“ Aus Altersgründen würden z.B. viele ausscheiden. Deshalb gebe es bei der Stadt auch immer eine Ausschreibung für Erzieherstellen, so der Bürgermeister. „Und wir führen auch permanent mit Bewerbern Einstellungsgespräche. Obwohl die Nachfrage größer sein könnte, weil wir einen größeren Bedarf haben.“ Eine Erziehergeneration fehle, es gebe jetzt nur jüngere oder ältere, die Altersstruktur dazwischen sei nicht vorhanden. „Wir bilden jetzt über die im September startende dualorientierte Ausbildung eine junge Frau in der Kita Parkviertel aus. Man muss sehen, wie das duale System anläuft, denn es gibt ja noch keine Erfahrungen“, so Reinhard Mach. „Aber in den Qualitätsanforderungen bei den Bewerbern sollten wir nicht nachlassen.“

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