Ein Unternehmer hilft : Flüchtlingsheim privat in Wittenburg

Eine alltägliche Situation, Jürgen Baumgarten (rechts) im Gespräch mit Bewohnern. Es gibt immer etwas zu klären.
Eine alltägliche Situation, Jürgen Baumgarten (rechts) im Gespräch mit Bewohnern. Es gibt immer etwas zu klären.

Jürgen Baumgarten öffnete sein Firmengelände für 70 Flüchtlinge - Weitere 80 sollen in wenigen Tagen folgen

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13. September 2015, 20:08 Uhr

Bekannt wie ein bunter Hund war er ja sowieso schon. Jetzt ist der Unternehmer Jürgen Baumgarten als einer der größten privaten Flüchtlingshelfer landesweit berühmt geworden. Auf seinem Gelände am Wölzower Weg beherbergt er in derzeit mehr als 70 Flüchtlinge. Vor allem Syrer aber auch Ukrainer und sogar Russen. Nach dem Ausbau weiterer Unterkünfte will Baumgarten insgesamt 150 Flüchtlingen Platz bieten. Entsprechende Vereinbarungen mit Landkreis Ludwigslust-Parchim gibt es bereits. Wie Jürgen Baumgarten am Wochenende bei einem Gespräch mit unserer Redaktion mitteilte, sind die neuen Unterkünfte bezugsfertig. Verglichen  mit anderen Notunterkünften leben die Flüchtlinge in Wittenburg sehr komfortabel. Es gibt kleine Zimmer, zahlreiche sanitäre Einrichtungen und auch Küchen, wo sich die Neuankömmlinge selbst versorgen können.

Baumgarten (69) hatte die ersten Flüchtlinge aus Syrien bereits im Juli aufgenommen. Als die Aufnahme in Horst SOS funkte, fackelte er nicht lange und half. Die Unterkünfte hatten vor Jahren dem italienischen Bonatti-Team gedient, das die große Erdgasleitung in der Region baute. Mit wenigen Umbauten waren somit Flüchtlingswohnungen fertig. Zwar bekommt Baumgarten pro Flüchtling und Tag neun Euro bezahlt, seine eigenen Investitionen waren und sind dennoch enorm. Jeder Ankömmling  fand auf seinem Bett nicht nur Handtücher sondern auch Kosmetikartikel vor, privat bezahlt. „Ich helfe eben gern und hier sieht man deutlich das Elend, auch wenn ich natürlich bei jedem Flüchtling weiß, wie sehr er gelitten hat und warum er hier ist.“ Er sei nur überrascht gewesen, wie wenig die Behörden sich vorbereitet hätten auf den Ansturm, der noch immer anhalte. Baumgarten, der in der Region gut vernetzt ist, hat sich für seine Hilfsaktion Unterstützer gesucht.

Und er hat schon wieder neue Probleme, die Kinder müssten unterrichtet werden. Doch es gibt keinen Platz. Zur Not will er in seinen Räumen nun auch noch eine Schule einrichten. Deutschunterricht für Flüchtlinge gibt es bereits, durch einen pensionierten Lehrer, der zweimal in der Wochen ehrenamtlich unterrichtet.

Für die Flüchtlinge ist er „Sir“, „Mister“ und vor allem Kummerkasten. Mal ist jemand krank, andere brauchen Unterstützung bei Behördengängen, es geht um Handtücher, die Belegung der Zimmer, Streit zwischen Afghanen und Syrern. Helfen kann Baumgarten nur wenig. Die meiste Zeit sind die Flüchtlinge sich selbst überlassen. Es geht nicht anders. Nur auf Ordnung und Brandschutz achtet er streng. Notorische Raucher, die in den Zimmer qualmen würden, habe er sich schon persönlich „zur Brust genommen.“ Ordnung müsse sein, sonst funktioniere das nicht. Wochenlang wussten nur wenige von den Flüchtlingen im Wölzower Weg. Aus verständlichen Gründen propagierte das niemand, auch die Stadt nicht, die froh ist, jemanden wie Baumgaretn in der Sache an ihrer Seite zu haben.

Nach den ersten Medienberichten hat sich das nun geändert. Fast im Minutentakt geht Baumgartens Handy, trudeln Nachrichten ein. Die meisten sind freundlich, es gibt Glückwünsche.

Doch der ehemalige Motorradartist ist bei aller Hilfe ein Realist geblieben. „Das wird in den Tempo nicht weitergehen können, die Politik muss da aufwachen.“

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.
 

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