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Sucht hautnah : Flaschengeist täglich neu entsagen

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Seit April lebt Andreas Ruhnke als trockener Alkoholiker in Setzin

von
erstellt am 05.Okt.2014 | 16:35 Uhr

Es ist ein langer, steiniger und oft auch schwerer Weg, sich seine Alkoholprobleme einzugestehen. Andreas Ruhnke geht diesen Pfad, strauchelt mitunter, rappelt sich wieder auf und versucht dem Geist aus der Flasche täglich neu zu entsagen.
„Mein Ziel ist es, jeden Tag aufs Neue nicht zu trinken“, gesteht der 51-Jährige im SVZ-Gespräch.  Seit April lebt er als trockener Alkoholiker in Setzin. Bewohnt eine kleine Zweiraumwohnung, die er sich gemütlich einrichtet. Nach und nach.

Der gebürtige Hamburger hat schon etliche Anläufe hinter sich, ein Leben ohne den Kumpel Alkohol zu führen. „Ich bin trotz einiger Therapien immer wieder rückfällig geworden“, sagt Ruhnke mit leiser Stimme. Man spürt, er ist nicht sonderlich stolz auf sein Versagen. „Ich habe mit zehn oder elf Jahren angefangen, regelmäßig Bier zu trinken. Mit 15 Jahren war ich bereits abhängig“, berichtet das Nordlicht und erzählt von einer freudlosen Kindheit zwischen suchtkranken Eltern, beides Trinker. „Das Bier im Keller hat mir mein Leben ein wenig erträglich gemacht. Alkohol stand  damals ständig zur Verfügung. Irgendwann habe ich die Wirkung der weichwarmen Explosionen im Kopf kennen- und schätzen gelernt. Der Fusel hat mir geholfen, zu überleben.“

Mit fatalen Folgen für den gelernten Betriebsschlosser, der später auf Bürokaufmann umschulte. Sein bisheriges Leben, ein Deasaster. Seine kaputte Ehe ein Scherbenhaufen. In seinem übelsten Säuferdasein wurde er sogar mit fast sechs Promille ins Krankenhaus eingeliefert.
„2012 bin ich nach Zühr gekommen. In die Wohn- Arbeits- und Lebensgemeinschaft der Caritas. Dort war ich bis März 2014. Das war meine bisher beste Zeit. Ich konnte beginnen, mein Leben neu zu ordnen.“

In Suchteinrichtung langsam Fuß gefasst
Ehrlichkeit und Vertrauen werden in dieser Einrichtung, in der unter anderem auch suchtkranke Erwachsene vorübergehend ein Zuhause finden, groß geschrieben. Jeder Einzelne ist ein wichtiger Teil des Ganzen, ist einzigartig, trotz oder gerade wegen seines holprigen Lebensweges.
„Dort habe ich dank anderer gelernt, dass ich mich entscheiden und mein Leben selbst gestalten kann. Dass mein Leben immer  dort passiert, wo ich gerade  bin“, erzählt Andreas Ruhnke. Er habe in den letzten Jahren unerwartet viel Hilfe erfahren, die wolle er weitergeben. „Das war überwältigend. Deshalb würde ich gern auch im suchttherapeutischen Bereich arbeiten“, sagt Ruhnke weiter, der im übrigen mit dem Jobcenter in Verhandlung sei, um endlich wieder aus der Arbeitslosigkeit rauszufinden.

Aufarbeitung im Internet
„Ich pflege auch im Internet  einen eigenen Blog seit Anfang August. In ihm berichte ich über meine bisherigen Erfahrungen. Für mich ist das so eine Art Aufarbeitung“, sagt Ruhnke, der auch Theaterstücke über Sucht und ihre verhängnisvollen Auswirkungen schreibt.  Dann zeigt er auf ein Bild, das er zum Abschied aus Zühr mitbekam. Ein Baum ist darauf zu sehen, flankiert von einigen Sprüchen und Gedichten. Auch ein Baum mit Narben und abgestorbenen Ästen könne wieder neue Triebe hervorbringen, ist beispielsweise zu lesen. Und: „Wer entwurzelt ist, entwurzelt auch andere.“
Um seinem Vorsatz treu zu bleiben und nicht zu trinken, versucht Ruhnke seinem  Tag Struktur zu geben. Er hat sich einen kleinen Garten gepachtet, fährt viel Rad und paukt Latein-Vokabeln. „Ich hätte  gern Jura studiert, meine Eltern hielten mich aber für zu blöd“, kramt Ruhnke in seiner Vergangenheit. Es sei schwierig für ihn Vertrauen aufzubauen und erschwere jede Form von sozialen Kontakten. Sich fernab der größeren Ansiedlungen niederzulassen, sei seine Schutzfunktion.

„Die nächste Einkaufsmöglichkeit ist einige Kilometer entfernt. So komme ich  in einer schwachen Minute nicht in Versuchung, dem Dämon Alkohol zu erliegen.“ Wenn er merke, dass er reden müsse, könne er sich immer noch jederzeit hilfesuchend an das Team in Zühr wenden. Wo er sich denn in zwei, drei Jahren beruflich wie privat sehe?

„Ich hoffe, dass ich irgendwann beruflich Fuß fasse. Das wäre schön. Und dass ich trocken bleibe.“ Später rückt er  bei einem Pott Kaffee noch damit heraus, dass er gern wieder Kontakt zu seinen beiden Mädchen hätte, elf und 14 Jahre alt. Wo sie derzeit aber wohnten, wisse er nicht. Seine Briefe kämen immer wieder zurück. Könnte er seinen Töchtern eine Botschaft übermitteln, wie lautete sie?
Kurzes Nachdenken: Unvermittelt bricht der große, butzige Kerl in Tränen aus, wird von Weinkrämpfen geschüttelt: „Ich würde sie um Vergebung bitten und ihnen sagen,  dass ich inständig hoffe, dass wir irgendwann noch eine Chance haben.“

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