Lebenshilfewerk Hagenow : Feuerübung im Schatten des Titisee-Unglücks

Stolze Zeit: Innerhalb von zwei Minuten sind alle 165 Beschäftigten der Werkstätten des Lebenshilfewerkes Hagenow raus. M. Hackel
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Stolze Zeit: Innerhalb von zwei Minuten sind alle 165 Beschäftigten der Werkstätten des Lebenshilfewerkes Hagenow raus. M. Hackel

Das Lebenshilfewerk hinterfragt sich und seine Sicherheitsstandards. Gestern Morgen wurde deshalb eine geheime Feuerübung in Hagenow und Boizenburg durchgeführt. Immer im Hinterkopf – das Unglück in Titisee-Neustadt.

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08. Januar 2013, 06:18 Uhr

Hagenow | Sie ist noch immer allgegenwärtig - die Brandkatastrophe in einer Behinderten-Einrichtung Ende November in Titisee-Neustadt im Schwarzwald. Bei der geheimen Feuerübung gestern Morgen in den Werkstätten des Lebenshilfewerkes in Hagenow und Boizenburg haben vor allem Leiter und Sicherheitsfachkräfte ständig daran denken müssen. Ihr Fazit: Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nie. Aber die Beschäftigten haben schnell reagiert und sich ohne Panik in Sicherheit bringen können.

Nicht einmal zwei Minuten brauchen die 165 Frauen und Männer, um von ihren Arbeitsplätzen im Flachbau nach draußen zum ausgeschilderten Sammelplatz zu finden. "Das ist sehr schnell", sagt Sicherheitsfachkraft Rüdiger Zinke. Er betreut die Einrichtungen des Lebenshilfewerkes Mölln-Hagenow und kann vergleichen. In anderen Stätten mit Treppen würde eine Evakuierung mit den teils körperlich eingeschränkten Bewohnern oder Beschäftigten bis zu vier Minuten dauern. Zeit, die im Ernstfall Leben kosten könnte. Der Vorteil in Hagenow: Der Bau ist ebenerdig, von jedem Gruppenraum gelangt man ins Freie.

Vor allem aber der panikfreie Ablauf erfreut Werkstattleiter Detlef Postler. Zehn Sekunden Unsicherheit und überraschte Blicke nach dem Alarm - danach sei alles ganz schnell gegangen. Stärkere nehmen Schwächere an die Hand oder schieben deren Rollstühle Richtung Fluchtweg. Einige erinnern ihre Gruppenleiter sogar an die Anwesenheitslisten für die spätere Kontrolle. "Sie sind sensibilisiert dafür", sagt Detlef Postler. Durch solche Übungen ein- bis zweimal im Jahr, regelmäßige Gespräche mit den Gruppenleitern, und ausgebildete Sicherheitsfachkräfte unter den Beschäftigten. Sie lernen genau, was in welchen Fällen zu tun ist, und vermitteln es weiter. Sie schauen, ob Kartons vor den Ausgängen stehen oder Autos den Weg nach draußen versperren. Alles Dinge, die auch bei Begehungen mit Feuerwehr, Brandschutzbeauftragten des Landkreises und den Berufsgenossenschaften thematisiert werden.

Alltag nach der Übung? Noch immer tuscheln die Frauen und Männer aus dem Bereich Verpackung miteinander. "Sie sind noch voll im Eindruck des Alarms", sagt ihr Gruppenleiter Stefan Richter. Auch ihn hat die Sirene überrascht. "Wir nehmen das sehr ernst", sagt er. Alle seien äußerst diszipliniert gewesen, hätten so agiert, wie sie es gelernt haben und tagtäglich leben. Denn soziale Verantwortung wird stets gefördert. Trotzdem ist er überrascht, dass sie so ruhig geblieben sind. Zumindest in dem Moment, als es darauf ankam. Denn der Vorfall beschäftigt sie derart, dass sie nachmittags nochmal alles auswerten wollen. "Sie reflektieren vieles", sagt Stefan Richter. Vor allem Lob sei wichtig, wenn etwas gut gelaufen ist. Das mache sie stolz und stark für die nächste Übung oder den Ernstfall.

Das Fazit von Sicherheitsmann Rüdiger Zinke: "Wir haben unsere Maßnahmen zum Brandschutz mehr als erfüllt." Nur ein zweiter Sammelplatz muss noch her, weil der neue Parkplatz vor der Tür zu viel Raum einnimmt. Das hat die Übung gezeigt. Und: So schlimm Katastrophen wie im Schwarzwald auch seien - eines habe das Unglück mit 14 Toten bewirkt. "Man denkt ständig daran." Alle seien sensibler geworden, schauen genauer hin, vergleichen mit ihren Einrichtungen. Immer wieder.

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