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Hagenower Kreisblatt

18. November 2017 | 15:18 Uhr

Sterneneltern : „Es war doch noch kein Kind“

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Buch soll Hoffnung schenken nach dem Verlust eines Babys

von
erstellt am 11.Mär.2017 | 16:00 Uhr

Fröhlich spielen sie Verstecken, necken sich, tollen umher. Julia und Ohle, Christine und Ben, Lea und Hanna. Sie leben unbeschwert in ihrer Welt aus watteweichen Wolkenkissen. Nur eines bereitet ihnen manchmal Sorgen: Wenn sie auf die Erde blicken und Sterneneltern weinen sehen.

Es ist ein Märchen, das Hoffnung schenken soll – all denen, die einen schweren Verlust durchleben müssen. Eltern, die ihre Kinder in der Schwangerschaft verlieren, sie vorzeitig still gebären oder kurz nach der Geburt zu Grabe tragen müssen. Heidrun Willhöft schreibt  sich   dieses Märchen von der Seele. Erst spät, im Alter von 63 Jahren. Es hilft der heute 66-Jährigen, endlich zu trauern. Denn mit dem Verlust und der Trauer, so empfindet sie es, werden Eltern damals wie heute „ziemlich alleine gelassen“. Erst sei man in einer „Glücklichkeitsglocke, die unendlich ist“. Bis sie „plötzlich zerbricht, und keiner nimmt Notiz davon“. Manche sagen damals nur zu ihr, „Du kanntest ihn doch gar nicht“ und „Du hast doch noch einen“.

„Ich bin froh, dass wir das Grab haben“

Solche Reaktionen  aus dem Umfeld von betroffenen Eltern erlebt auch Krankenhaus-Seelsorgerin Kathrin Weiß-Zierep. Sie arbeitet seit  einigen Jahren im Westmecklenburg Klinikum Helene von Bülow in Hagenow und Ludwigslust und spricht mit Müttern und Vätern mit ähnlichem Schicksal wie Heidrun Willhöft. „Es war doch noch kein Kind“, höre sie gerade bei sehr frühen Fehlgeburten. Dabei „ist doch schon eine Verbindung aufgebaut“, sagt Kathrin Weiß-Zierep.  Und jeder Mensch sollte trauern dürfen, auf seine Art. Man könne es von außen nicht einschätzen, wie es Betroffenen wirklich mit so einem Verlust gehe. Trauer sei wichtig. Deshalb organisiert sie auch einmal im Jahr einen Gottesdienst für Sternenkinder und ihre Eltern in Hagenow und Ludwigslust. Dann werden auch die verstorbenen Babys beigesetzt. „Ich bin froh, dass wir das Grab haben“, sagt die Seelsorgerin. Als Ort zum Trauern. Viele Eltern kommen noch Jahre und Jahrzehnte später wieder.

Dass ein Grab hilft, egal wie schwer oder alt das Kind war, sagt auch Heidrun Willhöft. Sie wünscht sich, dass die Menschen  offen und sensibel mit dem Thema umgehen, und es nicht abtun.  Vor mehr als vier Jahrzehnten verliert die gebürtige Hamburgerin eines ihrer Zwillingskinder. Alexander Konstantin. Daniel überlebt die Geburt im siebten Monat. „Es ist eine lange Zeit, aber nicht lange genug, um zu vergessen“, sagt Heidrun Willhöft, die mittlerweile in Karft bei Wittenburg lebt.

Märchen soll beim Loslassen helfen

Immer ist Alexander Konstantin präsent gewesen in ihrem Leben. Sie hat ihre Trauer aber gleichzeitig auch verdrängt, in ihr tiefstes Inneres eingeschlossen. Bis ihr Sohn Daniel  vor vier Jahren den Gedanken anschiebt, ihr Schicksal in einem Buch zu verarbeiten. Erst da habe sie gemerkt, wie sehr sie der Verlust eigentlich belastet hat und wie schlimm das für sie war. „Er hat mir geholfen, die Trauer um seinen Zwillingsbruder zuzulassen“, schreibt Heidrun Willhöft später in ihrer Widmung.

In ihrem Buch „Die Sorgen der Sternenkinder“ stecken drei Jahre Trauerarbeit. „Es war wichtig für mich, das aufzuschreiben.“ Dadurch empfindet sie eine „gewisse Erleichterung“ und „kann durchatmen“. Mit ihrem Märchen möchte sie aber auch anderen betroffenen Eltern und Geschwistern beim Loslassen helfen.

Es gibt viele Bücher  zu diesem Thema. Aber oft „verbinden sie das Erden- und Himmelleben“, beschreibt Heidrun Willhöft. Und das mache das Loslassen so schwer. In ihrem Märchen  schauen Eltern und Kinder zwar aufeinander. Jeder lebt aber in seiner eigenen Welt. So entstehe der nötige Abstand. „Und man kann trotzdem ein positives Gefühl haben“. Denn gleichzeitig entsteht eine gewisse Vertrautheit, Geborgenheit und Nähe.

In ihrem Wolkenkissenzimmer erleben die Sternenkinder vieles, was auch Erdenkinder tun. Sie spielen und lachen. Es geht ihnen gut. Ängste, Krankheiten, Schmerzen gibt es in ihrer Welt nicht. Sie tragen Namen von echten Sternenkindern, die Eltern im Forum Sternenkinder.de   veröffentlicht haben. Gemeinsam mit ihrer Geschichte. „Einige haben mir ihre Kinder beschrieben und ihre Vorstellungen, wie sie sein könnten“, schreibt Heidrun Willhöft im Vorwort. „So wurden diese Kinder zu  unverwechselbaren Persönlichkeiten.“

Sternenkinder so unbeschwert zu erleben, hilft den Lesern. So schreibt eine  Mutter in ihrer Rezension: „In wunderbarer bildhafter Sprache schenkte mir dieses Buch beim Lesen (...) eine tröstliche und wohltuende Zeit. Ich mag es immer wieder anfangen zu lesen, weil ich mich dann meinen fehlgeborenen Sternenkindern viel näher fühle.“ Auch die Trauerbegleiterin Eva Terhorst fühlte sich „vom ersten Augenblick an davon auf eine ganz wunderbar leichte und tröstliche Weise berührt“. Sie hält das Buch für ein wunderbares Geschenk für Betroffene, wenn einem einfach die Worte fehlen. Es helfe bei der Trauer, weil  sich die Eltern durch die Bilder und Geschichten ein mögliches Dasein ihres Kindes vorstellen können.

 

Trauer in jeder dritten Schwangerschaft
Sternenkinder sind Kinder, die „den Himmel erreicht haben, noch bevor sie das Licht der Welt erblicken durften“. Andere sprechen von Fehl- oder Totgeburten. Statistisch endet jede dritte Schwangerschaft tragisch. Im Westmecklenburg Klinikum Helene von Bülow in Hagenow und Ludwigslust wird erst der Verlust des Kindes ab der 24. Schwangerschaftswoche festgehalten. In dieser späten Phase sterben laut Klinik jedes Jahr ein bis drei Kinder bei durchschnittlich 650 Geburten. Häufiger kommen laut Hebammen späte Fehlgeburten in der 15. bis 24. Woche vor, noch häufiger in den ersten drei kritischen Monaten. Doch darüber führt das Krankenhaus keine Statistik. In jeder Phase trauern die Eltern. Das sei auch wichtig, sagen Psychologen und Seelsorger. Erste Ansprechpartner finden Väter und Mütter oft schon in der Klinik. Auch eine Hebamme steht ihnen zu. Einige nutzen diese Option, andere wollen das erstmal mit sich selbst ausmachen, so eine Hagenower Hebamme. Hilfe bieten auch Psychologen. Zum Beispiel von der Caritas in Hagenow (Telefon: 03883-721055).

 

 „Verwaiste Eltern“ in ganz MV suchen Halt

„Nicht zu trauern, geht nicht“, sagt der frühere Pastor Helmut Sanne. Er betreut mehrere Selbsthilfegruppen in Mecklenburg-Vorpommern, in denen sich „Verwaiste Eltern“ austauschen. Helmut Sanne ist selbst betroffener Vater. Mittlerweile sei der Verlust des eigenen Kindes lange genug her, so dass er darüber sprechen könne.  Familien  in ihrem Schmerz zu unterstützen, ihnen zur Seite zu stehen, sei wichtig. Gerade unternimmt er eine Rundreise durch die Gruppen in Wolgast und Stralsund, Neubrandenburg und Rostock, Wismar und Schwerin. In der Region Hagenow und Ludwigslust gibt es derzeit keine Gruppe mehr, Helmut Sanne würde sie aber jederzeit wieder ins Leben rufen, wenn sich Eltern melden. Der  Trauerbegleiter besucht Familien auch Zuhause. Gleichzeitig versucht er, Eltern mit ähnlichem Schicksal zu vernetzen, damit sie einiges gemeinsam bewältigen können. Wer Fragen zur Arbeit von Helmut Sanne hat oder den Kontakt zu einer der Gruppen im Land sucht, meldet sich  per E-Mail an helmut.sanne@web.de oder per Telefon unter der 0385-20279683.

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