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Hagenower Kreisblatt

24. September 2017 | 01:44 Uhr

"Es kann jederzeit losgehen"

vom

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erstellt am 11.Jun.2013 | 09:09 Uhr

Picher/Hagenow/Vellahn | Ausnahmesituation an den Schulen: Leere Klassenzimmer, mitten in der Woche, und Lehrer in Alarmbereitschaft. Die Hagenower Region stellt sich auf mögliche Evakuierungen in den Krisenregionen um Boizenburg, Amt Neuhaus und Dömitz ein. Räume in Hagenow, Picher und Vellahn sind freigeräumt, um Flutopfer und Helfer im Ernstfall aufnehmen zu können. Busfahrer und Feuerwehrleute im Landkreis stehen in den Startlöchern, um gefährdete Menschen sofort aus den Hochwassergebieten zu holen.

"Es kann jederzeit losgehen", sagt Siegfried Hüter, Leiter der Diesterweg Schule in Hagenow. "Wir sind vorbereitet." Seit Montagabend schaffen er und seine Kollegen Platz, um bis zu 300 Menschen in Sporthalle und Klassenräumen unterbringen zu können. Dass deshalb kein Unterricht stattfindet, dafür hätten die Eltern Verständnis, so Hüter. Die Rettung "hat einfach Vorrang". Sobald Bedarf ist, komme das Deutsche Rote Kreuz und stellt Betten auf.

An der Regionalen Schule in Vellahn stehen weitere 1000 Quadratmeter zur Verfügung. Vorwiegend in Atrium und Sporthalle. "Wir sind jederzeit abrufbar", sagt Britta Konrad, stellvertretende Leiterin. Per Telefonkette würde ein Evakuierungsalarm schnell jeden Lehrer erreichen. Tag und Nacht. Gestern haben nur noch Prüfungen in Vellahn stattgefunden. Ansonsten nutzen die Pädagogen die Zeit, um an Konzepten zu arbeiten oder Zeugnisse zu schreiben. Eigentlich waren in dieser Woche Wanderfahrten, Schwimmlager und Elternabende geplant. Alles abgesagt. "Und ich weiß nicht, wie lange die Situation so bleibt", sagt Britta Konrad. Alle würden sich Sorgen machen, über das, was da noch kommt. Ihre Schüler sind jetzt überwiegend bei Verwandten oder Großeltern untergebracht. Nur vereinzelt seien Eltern besorgt zu ihr gekommen, weil sie nicht wussten, wohin mit den Kindern. "Wir dürfen sie nicht betreuen", bedauert sie die Regelung während der Alarmbereitschaft.

Innerhalb von Minuten sind auch die Picher Lehrer zur Stelle. "Wir bereiten uns auf die Menschen vor", sagt Schulleiter Michael Tiede. Sie wollen unterstützen, wo sie können. Dabei ist schon gestern Trubel an der Schule und im ganzen Ort. 88 Bundeswehrsoldaten des Fernmeldebataillons 801 aus Neubrandenburg sind am späten Montagabend mit 60 Fahrzeugen angerückt. Mit dieser Anzahl hat selbst Bürgermeister Detlef Christ nicht gerechnet. Gegen 22.30 Uhr hat er noch den Inhaber des kleinen Supermarktes im Dorf rausgeklingelt, um für die Soldaten einzukaufen. Kein Problem für Jörg Dühring. Er sei vorgewarnt gewesen. Und: "Wenn ich helfen kann, mache ich das gern."

Oberleutnant Christian Labbert ist beeindruckt von der Hilfsbereitschaft der Picheraner. "Das hat man nicht oft", sagt er. Vor allem, wenn man bedenke, dass sie selbst gar nicht betroffen sind. Er kommt aus Sachsen, kennt Hochwasserlagen wie diese auch privat aus nächster Nähe. "Man schafft das einfach nicht alleine als Familie." Deshalb freuen er und seine Kollegen sich, dass sie vor Ort mit anpacken dürfen. Um so trauriger seien für sie die Tage in Fischbeck gewesen, wo der Kampf gegen die Wassermassen verloren wurde.

Jetzt wollen sie hier helfen. Innerhalb von einer Stunde könnten sie überall sein - in Dömitz, Heiddorf, Boizenburg, Amt Neuhaus oder Lauenburg. "Wir sind auf alles eingestellt", sagt Hauptmann Jörn Keller. Gestern verschnaufen die Jungs und zwei Frauen allerdings erstmal ein bisschen, warten ihre Fahrzeuge, spielen Volleyball und gehen zum Friseur. Zwei Wochen Übungen, zehn Tage Einsatz an den Deichen mit Zwölf-Stunden-Schichten liegen hinter ihnen. "Das ist die erste Pause", so Jörn Keller. Und er ist froh, in Picher zu sein. "Wir haben hier die besten Bedingungen." Einwohner sprechen sie an, ältere Damen bringen Pfannkuchen vorbei... Mitgefühl sei selbstverständlich, sagt Friseurin Roswitha Gammer. "Die Gefahr ist so dicht." Einige Kilometer weiter "kämpfen sie und uns geht es so gut". Sie findet es beruhigend, dass die Bundeswehr vor Ort ist.

Wenn es dann heißt, Evakuierung, sind auch die Feuerwehrleute wieder dabei. Tag und Nacht waren sie schon in den letzten Tagen in Krisengebieten unterwegs, sagt Volker Hille, Wehrführer in Picher. "Helfen geht vor." Auch wenn nicht jeder Arbeitgeber die Ehrenamtlichen freistelle. "20 Mann bekommen wir im Amt Hagenow-Land immer zusammen." Einige fahren raus, um Flutopfer zu holen, andere räumen Betten in die Schulen und packen mit an, wo es nötig ist. Denn: "Dieses Mal ist es um einiges schlimmer als 2002."

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