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Boizenburg : „Entwässern, das ist die Aufgabe der Elbe“

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt meldet wieder steigende Pegel / Beim Thema Verbuschung geht es immer wieder vor und zurück

svz.de von
erstellt am 19.Jan.2015 | 08:00 Uhr

Morgen etwa soll der Scheitel des Hochwassers Boizenburg passieren, mit einer moderaten Höhe von geschätzt 4,25 Metern. Das Deichvorland könnte überflutet werden, wird weiter gemeldet.

Bei Neuhaus fragt sich der Vorsitzende des Vereins zum Schutz der Kulturlandschaft und des Eigentums (VSKE), warum es beim Thema Verbuschung immer wieder einen Schritt nach vorn und wieder zurück gehe (SVZ berichtete).

Ein Hin und Her beim Thema Verbuschung

Da ist Dr. Rudolf Adolf Dietrich ganz bei seinem Thema. Seit Jahren ist er aktiv, wenn es darum geht, auf die Ursachen des im Vergleich zu früheren Hochwassern steigenden Elbepegels bei gleichem Abfluss aufmerksam zu machen.

Rudolf Adolf Dietrich wohnt in Hohnstorf an der Elbe. „An vielen Stellen der Elbe ist der Fluss vom Deich nicht mehr zu sehen“, meint er. „Der Bewuchs [...] sei einfach zu dicht.“

 Früher forschte Rudolf Dietrich   beim GKS-Forschungszentrum in Geesthacht, dem Vorgänger des Helmholtz-Zentrums, u. a.  zum  Strömungsverhalten in Buhnenfeldern der Elbe. Kurz nach seinem Renteneintritt 2002 kam es zum großen August-Hochwasser. Da sei ihm aufgefallen, dass im Vergleich zum Hochwasser von 1981 zwar weniger Wasser durch die Elbe floss, der Wasserstand bei Neu Darchau aber 43 Zentimeter höher war.  Diesen Widerspruch   galt es für ihn zu klären.

Als Ursache  machte schließlich den größeren Strömungswiderstand durch die  Verbuschung  im Deichvorland aus.

Die Elbe muss hier durch ein Nadelöhr

„Das Wasser, das bis Magdeburg der Elbe zugeführt wird, muss in unserer Region durch ein Nadelöhr, das durch die Verbuschung zusätzlich verengt wird. Hinzu kommt, dass genau hier, im Bereich der unteren Mittelelbe zwischen Schnakenburg, Elbekilometer 475, bis Hohnstorf, Elbekilometer 570, der Fluss ein besonders geringes Gefälle von nur 13 Zentimetern auf einen Kilometer hat. Das heißt, das Wasser fließt langsam.“ Kommt dann mehr Wasser, droht ein Rückstau.

Als Naturwissenschaftler drückt Rudolf Adolf Dietrich seine Gedanken am liebsten  in Zahlen  aus und hat  dafür 2-D Analysen durchgeführt. Das heißt, er hat sich angeschaut, was die Fließgeschwindigkeit beeinflusst und  – für den Laien einleuchtend, aber ungleich komplizierter zu modellieren – wie durch die Kurven entstehende Querströmungen das Tempo des Wassers beeinflussen.

Querströmung bremst das Elbewasser

Man könne sich  Querströmungen leicht bildlich vorstellen. Tauche man eine Hand  in fließendes Wasser,  staue sich das Wasser vor der Hand und werde zur Seite umgelenkt. „Dabei bilden sich  Querströmungen“ bzw. seitliche Verwirbelungen.

 Der Bewuchs sei für die Elbe wie unzählige ins Wasser getauchte Hände und bremse das Wasser.

Etwa   345,6 Millionen Kubikmeter Wasser fließen pro Tag in die Nordsee. Wollte man diese Menge  speichern, müssten dafür 345,6 Quadratkilometer einen Meter hoch überschwemmt werden.  Da sei es besser, ein ungehindertes Entwässern der Elbe zu sichern, wenn nach der  Schneeschmelze oder  starken Regenfällen in Tschechien der Fluss anschwelle, meint der Ingenieur.

Hochwasserschutz oder  Umweltschutz

Dieser Gedanke ist alles andere als neu. Bereits  nach dem Hochwasser von 1891 gab es umfangreiche Untersuchungen zur Ursache mit dem Ergebnis, die Verbuschung im Deichvorland  sei zu entfernen. Das steh sogar in alten Grundbuchauszügen, meint Rudolf  Dietrich und fischt  eine Kopie aus seinem  Fundus an Powerpoint Präsentationen heraus. Hier ist vermerkt, die Besitzer hätten für kurz gehaltenes Deichvorland zu sorgen.

Verbuschung nimmt seit den 80ern zu„Bis in die 80er  habe das noch wunderbar geklappt“, meint er. Dann seien weniger Flächen bewirtschaftet bzw.  häufig  als Ersatzflächen für den Naturschutz genutzt worden und so habe  sich die Verbuschung eingestellt.

In den vergangenen 15 Jahren habe die Frage des Bewuchs im  Deichvorland  zu einer ideologischen Diskussion geführt, resümiert der Ingenieur.  Seiner Meinung nach  sei: „Im Abflussbereich des Hochwassers [...] Hochwasserschutz mit Naturschutz nicht vereinbar. Der Bereich zwischen Fluss und Deich [...] müsse wieder dem Fluss gehören. [...]“ Die Verbuschung  zu entfernen sei notwendig, um das Gefährdungspotenzial durch Hochwasser möglichst gering zu halten, meint er abschließend.

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