zur Navigation springen

Ehemaliger Todesstreifen : Entlang der „grünen“ Grenze

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Heute hat die Natur den ehemaligen Todesstreifen fast vollständig eingenommen. Eine Radtour erinnert an die alten Geschichten der Teilung

von
erstellt am 17.Jul.2016 | 21:00 Uhr

Ein junges Reh schleicht sich aus dem Wald. Langsam erkundet es den Heide-Streifen, verweilt eine kurze Weile. Dann läuft es schnell in den Schutz der gegenüberliegenden Bäume. Nicht immer war es hier so idyllisch. Hier, wo sich einst der best bewachte Grenzstreifen der Welt zwischen der Bundesrepublik und der DDR befand.

Am Gartenschläger-Eck bei Leisterförde kann man heute nur noch erahnen, wie es vor über 25 Jahren aussah. „Der rund 50 Meter breite Heide-Streifen war der Kolonnenweg“, erzählt Wolfgang Kniep vom Landschaftspflegeverein Leisterförde. Der sandige Weg wurde damals von den Grenztruppen der DDR von jedem Bewuchs frei gehaltenen. Danach kam der meterhohe Zaun. Die Grenze. Der Ort, an dem Michael Gartenschläger in der Nacht zum 1. Mai 1976 von einem Stasi-Kommando erschossen wurde.

Für die 24 Radfahrer, die das Gartenschläger-Eck auf ihrer Tour entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze besuchten, ist es ein sehr emotionaler Moment. Nachdem sie den Dokumentarfilm „Gegen die Grenze – Das Leben des Michael Gartenschläger“ von Alexander Dittner sahen, sind sie nun hautnah am Ort des Geschehens. „Es ist sehr viel interessanter und sehr viel emotionaler, als wenn man es in den Lehrbüchern lesen würde“, erzählt Thea Riemann aus der neunten Klasse der Schule Schweriner Haus des Lernens. Auch die Mädchen des Eldenburg-Gymnasiums aus Lübz sind berührt von diesem Schicksal. „Wir haben schon viel im Unterricht durchgenommen, aber die Geschichte von Gartenschläger kannten wir noch nicht“, erzählt Viviane Wassilewsk.

Friedrich Kuhn hat in der Zeitung von der Radtour erfahren und sich gemeinsam mit einem Freund angemeldet. Der 78-Jährige findet es toll, wie den Schülern die Geschichte von damals vermittelt wird. „Wir werden hier super geführt. Es ist eine gut qualifizierte Gruppe“, lobt er die Tour.

Die Teilnehmer der Radtour, die vom Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen und der Landeszentrale für politische Bildung durchgeführt wurde, hatten immer wieder die Möglichkeiten, mit Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen. Einige der Mitglieder der Vereinigung für die Opfer des Stalinismus und Gegner des Kommunismus, die die Gedenkstätte in Leisterföder pflegen, waren beispielsweise Haftkameraden Gartenschlägers. „Ich war mit ihm in Brandenburg inhaftiert“, erzählt Uwe Rutkowski. Gemeinsam mit drei weitere ehemalige politische Häftlinge der DDR nutze Rutkowski den Freitagmittag bei einem Arbeitseinsatz am Denkmal, um mit den Schülern und Erwachsenen der Radtour ins Gespräch zu kommen. „Wir möchten gemeinsam mit den Teilnehmern die Gedenkstätte pflegen und dabei alle Fragen der Schüler beantworten.“ Und davon hatten die Jungen und Mädchen allerhand. „Die Kinder sind sehr interessiert“, bestätigt Burkhard Bley, stellvertretender Landesbeauftragter für Stasi-Unterlagen. Oft hätten die Schüler von der Verwandtschaft viele Geschichten über die DDR gehört. „Nun wollen sie sich ein eigenes Bild machen.“

Die Radtour entlang der innerdeutschen Grenze wurde zum dritten Mal durchgeführt. Los ging es für die 24 Schüler, Lehrer und interessierten Bürger am Mittwoch in Herrnburg. Auf ihrem Weg bis nach Dömitz besuchten sie zahlreiche Gedenkstätten und Erinnerungsorte, wie das Grenzhus in Schlagsdorf, das Gartenschläger-Eck oder die Überreste des Eisenbahngrenzübergangs in Schwanheide. Die Radler erlebten die Natur und Landschaft am Grünen Band entlang des ehemaligen Todesstreifens und erfuhren zudem zahlreiche Geschichten über die deutsche Teilung. „Besonders für junge Leute ist das jede Menge Input. Aber auf dem Rad lässt sich das gut verarbeiten“, so Bley. Es sei eine gute Mischung.

Für die Schüler ist das Projekt am Sonntag aber noch nicht vorbei. Ihre Erfahrungen und Eindrücke werden sie an ihre Schulkameraden im Rahmen des Geschichtsunterrichts weitergeben. Die Schülerinnen aus Lübz werden zudem noch eine Präsentation vorbereiten, die sie im November auf dem Jugendgeschichtstag in Schwerin vorstellen werden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen