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Einstiger Lokführer baut Modell des Hagenower Bahnhofs : Eisenbahner mit Stolz und Ideen

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Im alten Kohlenkeller von Hans Wulsdorf erwacht ein Stück Eisenbahngeschichte wieder zum Leben. In 1500 Stunden schafft der ehemalige Lokführer seinen Hagenower Modell-Bahnhof im Glanz der einstigen Reichsbahnzeiten.

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erstellt am 14.Dez.2011 | 09:57 Uhr

Hagenow | Im alten Kohlenkeller von Hans Wulsdorf erwacht ein Stück Eisenbahngeschichte wieder zum Leben. In 1500 Stunden schafft der ehemalige Lokführer seinen Hagenower Modell-Bahnhof im Glanz der einstigen Reichsbahnzeiten - mit Rotunde, Zug abfertigung und dem Übernachtungshaus der Eisenbahner.

"Meine Frau sagt, du bist verrückt", so der Hagenower. Übers Telefon ruft sie ihn zum Mittagessen. Ansonsten sägt, schnitzt, klebt und malt der Rentner im Sinne der damaligen Zeiten - und seiner AG Eisenbahngeschichte, die seit 2002 Fotos, Dokumente und Erinnerungen aus dem Arbeitsleben der Reichsbahn zusammenträgt. Sonst wüsste das bald niemand mehr, sagt AG-Mitglied Peter Schmedemann. Die Ergebnisse präsentieren sie auf Festen, in Ausstellungen, Schriftenreihen und künftig auch im Museum für Alltagskultur in Hagenow. So wird das Modell von Hans Wulsdorf seinen Platz im Saal zum Thema Industrialisierung finden - Ende 2012, spätestens Anfang 2013, wenn das Museum in der Langen Straße fertig restauriert ist. Dann können Besucher selbst vergleichen, was vom Hagenower Reichsbahnhof übriggeblieben ist.

Heute nahezu ausgestorben, wuselten dort noch vor wenigen Jahrzehnten Streckenmeister, Stellwerker, Rangierer und Fahrkartenverkäufer über das Gelände. "Die Bahn war ja der größte Arbeitgeber in Hagenow und Hagenow-Land", sagt Edwin Karl Vorrath, der heute bei der ODEG beschäftigt ist. Etwa 800 Menschen verdienten ihr Geld an den Schienen. Jede Familie hätte mindestens einen Eisenbahner in der Verwandtschaft gehabt. "In Holzlatschen sind die Jungs damals bis zu sechs Kilometer zur Arbeit gegangen." Und heute? Nach der Wende wurde vieles geschlossen und teilweise abgerissen, auf dem Bahnhof, der einst zu den größten Bahn-Standorten in Mecklenburg-Vorpommern gehörte. "Dort ist kein Leben mehr", sagt Edwin Karl Vorrath. Das Monopol als Frachtfahrzeugunternehmen sei weg. Keine Nahgüterzüge mehr mit Grabower Küsschen, Kohlen, Vieh und Weintrauben. "Heute geht es eben nicht mehr um die flächendeckende Versorgung der Menschen", so Vorrath. Marktwirtschaft und Fortschritt hätten Einzug gehalten. "Was die Fahrt ja auch sicherer macht." Dennoch: Im Vergleich zu früher fehle einfach das Gemeinschaftsgefühl, das Persönliche. Reisende könnten niemanden mehr ansprechen.

Deshalb wollen die 15 Mitglieder der AG-Eisenbahngeschichte, die zum Verein Freundeskreis Hagenower Museum gehören, die Erinnerungen an damals wach halten. Kisten voller Fotos, Dokumente, Zeitzeugen-Interviews und Modelle - Bastler, Schreiber und die Archivgruppe wollen "was zum Anfassen und Nachlesen für die Nachwelt erhalten", sagt Hans Wulsdorf. Ein Buch und drei Schriftenreihen sind jetzt erstmal abgeschlossen: "Nächster Halt: Hagenow-Land", "Leben rund um die Bahn in Hagenow von 1933-1980" und "Arbeit bei der Bahn in Hagenow von 1948 bis 2001". Doch längst nicht alle Geschichten seien dort verewigt, so Peter Schmedemann. Deshalb sucht die AG weiter nach Zeitzeugnisse, Dokumenten und Fotos, die sie auf ihrem Stammtisch jeden letzten Donnertag in der Alten Synagoge besprechen kann.

Was sie motiviert? Spaß an Aufbereitung, Eisenbahnerstolz und emotionale Momente, sagt Hans Wulsdorf, und denkt dabei an die "Wetten dass"-Aktion aus 2006, als mehr als 100 ehemalige Eisenbahner von überall her den Weg zum Hagenower Bahnhof suchten. Womit die Wette gegen Bürgermeisterin Gisela Schwarz gewonnen war. "Das sind Erlebnisse, die einem wieder Schwung geben", sagt Hans Wulsdorf mit Blick auf das nächste Modell, das im alten Kohlenkeller entstehen könnte.

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