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Ein Tag als: Pferdewirtin : Eine Arbeit mit Pferdestärken

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Stadtkind Jacqueline Worch schnuppert Stallluft und erfährt, dass der Job besser ist als jedes Sportprogramm

Es ist noch sehr früh, als ich auf dem Landgestüt Redefin ankomme. Es ist sechs Uhr morgens, um genau zu sein – normalerweise stehe ich um diese Uhrzeit erst auf. Doch genau jetzt starten die Pferdewirte auf dem Gestüt ihren Tag, enden wird er erst um 17 Uhr – heute bin ich einer von ihnen.

Als ich den Stall betrete, höre ich Vögel zwitschern und bin verwundert. Dann entdecke ich Spatzen, die immer wieder durch die Frischluftluken schlüpfen. Für jemandem vom Land ist das vermutlich keine Überraschung, doch auf ein Stadtkind, wie ich es bin, wirkt diese Szenerie märchenhaft.

Kaum angekommen, geht es ans Stallausmisten. 22 edle Rösser stehen in diesem Stall in Einzelboxen. Es sind junge Hengste, alle etwa drei oder vier Jahre alt. Und doch sind sie nicht klein und stehen beinahe majestätisch vor mir. Bewaffnet mit Heugabel, Schaufel und Straßen-Kehrbesen miste ich zusammen mit Pferdewirtin Sina Henneberg und ihren Kollegen eine Box nach der anderen aus. Das alte Stroh muss samt Mist raus, neues muss ausgelegt werden. Zum Abschluss wird noch Futterheu ausgelegt. Alles leichte Materialien und doch ist die Arbeit alles andere als einfach. Sie erfordert einiges an Kondition – das Fitnessstudio kann man sich in diesem Beruf sparen. Einer der Auszubildenden zeigt mir in der Frühstückspause seinen Schrittzähler – durchschnittlich 40    000 Schritte geht er an einem normalen Arbeitstag. Es ist nicht schwer, sich das vorzustellen, denn auch ich bin nach knapp einer Stunde schon über 4  000 Schritte gelaufen. Morgen werde ich Muskelkater haben, da bin ich mir sicher.

Nach dem Frühstück geht die Arbeit weiter. Jetzt werden die Pferde gestriegelt, gebürstet und ihre Hufe gereinigt. Seit etwa 15 Jahren war ich nicht mehr in der Nähe eines Pferdes und selbst damals war es nur ein geführter Ritt auf einem Stadtfest. Heute jedoch arbeite ich mit ihnen und ein Pferd hat es mir dabei besonders angetan. Connery, ein bildschöner junger Schimmel.

Ab jetzt wird die Arbeit routinierter. Nach der Pflege wird das Sattelzeug aufgezäumt und jedes Pferd ausgeritten. Entweder in der gestütseigenen Reithalle oder ein paar Runden über das Gelände, mal schneller mal langsamer. Zwar sind die Pflege und das Reiten jedes Pferdes nicht ohne, doch an das Stallausmisten von heute morgen kommt es nicht ran. Ich glaube ich spüre schon jetzt den Muskelkater aufflammen.

Mittlerweile sind meine Hosenbeine und Schuhe matschverschmiert und zum Teil nass. Kein Wunder, denn in den vergangenen Tagen hat es viel geregnet und der Boden, auf dem geritten wird ist aufgeweicht. Kein Problem für die edlen Rösser. Nichtsdestoweniger müssen sie nach der sportlichen Betätigung im Dreck erstmal unter die Dusche gehen. Mit einem einfachen Schlauch werden die Pferde abgespritzt, grober Schmutz von den Hufen entfernt. Damit sich die Tiere im Nachhinein nicht erkälten, wird das überschüssige Wasser abgestreift. Sina Henneberg reicht mir einen Abzieher, mit dem ich über das Fell des Pferdes streichen soll.

Die Szene erinnert an das Abziehen der Fliesen nach dem Duschen, denke ich unweigerlich und muss lachen. So verstreicht der Tag, die Zeit galoppiert nur so davon zwischen Pferdepflege, Ausreiten und Stallarbeiten. Und ehe ich mich versehe ist mein Tag als Pferdewirtin vorbei.

Bevor ich gehe, um mich zu Hause aufs Sofa zu legen und den Muskelkater die Oberhand gewinnen lasse, schaue ich noch bei Connery vorbei. Meinem neuen Freund mit dem grau-melierten Fell und treuem Blick. Ein letztes Mal streichle ich über seine Nüstern und verabschiede mich.

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