Diskussionen um die Bundeswehr : „Ein wenig mehr Respekt, bitte!“

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Berufssoldat Erwin Adickes wehrt sich gegen Klischees: Diese Diskussionen hat die Bundeswehr nun wirklich nicht verdient

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15. Juni 2017, 12:00 Uhr

Rechtsextreme Tendenzen, Mobbing, Misshandlungen und Missstände: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen wirft der Bundeswehr seit geraumer Zeit massives Führungsversagen vor. Erwin Adickes (66), Neu Hagenower und langgedienter Soldat, hat lange überlegt, ob er zu den Diskussionen rund um die Bundeswehr etwas sagen sollte. Jetzt will er es.

Stabsfeldwebel a. D. Erwin Adickes beim Einsatz in Afghanistan.
Pohle

Stabsfeldwebel a. D. Erwin Adickes beim Einsatz in Afghanistan.

Adickes ist nicht irgendjemand, er ist Stabsfeldwebel a. D., seit 1973 bei der Bundeswehr, und war auch als Reservist bereits bei zahlreichen Auslandseinsätzen dabei. Aktuell arbeitet er als Standortbeauftragter für den Bundeswehrverband. Wir dokumentieren seinen Offenen Brief:

„Bei den Äußerungen, die ich zum Teil auch in der SVZ lesen musste, sträubten sich bei mir oft die Nackenhaare.

Heute  Pegida und morgen Soldat auf Zeit,  auch das ist in einem Rechtsstaat möglich. Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee. Alles, was jetzt angeblich an Vorfällen hochkommt, wurde in den Berichten des Wehrbeauftragten erwähnt. Hier hat das Parlament und der Beirat Innere Führung als Kontrollmechanismus versagt. Die in diesem Zusammenhang benutzten Begriffe ,Säuberung und Reinigen’ von Politikern und sogenannten Experten zu hören, ist schon starker Tobak und  eine Beleidigung aller Soldaten und ihrer Angehörigen. Wer von unseren Bundestagsabgeordneten liest denn schon die Berichte des Wehrbeauftragten? Wer liest denn schon das Weißbuch? Es reicht eben nicht aus, bei Abstimmungen über Auftrag und Ausrüstung der Bundeswehr nur den Arm zu heben. Finden im Parlament überhaupt noch Debatten zum Thema der Bundeswehr statt?

Gespart bis zum Rand der Handlungsfähigkeit

Die NVA gibt es nicht mehr und mit ihr wurde auch die Bundeswehr seit der Wende personell und materiell bis an den Rand ihrer Handlungsfähigkeit abgebaut. Das sind Themen, womit sich die Angehörigen der Bundeswehr beschäftigen. Diese Debatten gehören ins Parlament und sollten nicht nur den Talkshows überlassen werden. So werden Meinungen über die Bundeswehr mit  Duldung der Politiker gebildet. Die bis jetzt bekannten Verfehlungen einiger weniger wurden geahndet und weiter untersucht. Nicht mehr und nicht weniger. Sie sollten aber nicht durch überhastete Äußerungen dazu führen, das Vertrauen aller Vorgesetzten in der Bundeswehr zu untergraben. Hier wird ein Thema in die Bundeswehr hinein getragen, das in der Öffentlichkeit zur Zeit  vehement diskutiert wird. Alle jetzt aufkommenden Äußerungen gewisser Experten in den Medien erinnern mich auch an die  Debatte über das Gewehr G 36. Meiner Meinung wird hier trotz der nicht hinzunehmenden Vorfälle  eine sicherheitspolitische Debatte im Wahljahr auf den Rücken der Angehörigen der Bundeswehr geführt, die sie nicht verdient haben. 

Gerade deshalb sollten wir Angehörigen der Bundeswehr uns nicht von einigen wenigen, die diese Turbulenzen  verursacht haben oder durch Meinungen von angeblichen Experten in  den Medien, in eine rechte Ecke drängen lassen. Wir alle sind Bürger in Uniform  und sollten uns  in Haltung und Pflichterfüllung und mit Stimme dagegen wehren. Dabei sollten wir aber auch in unserer Wortwahl umsichtig sein. Dennoch, wer den Beruf eines Soldaten ergreift, der hat zumindest den Respekt der Gesellschaft verdient, deren Verteidigung er öffentlich gelobt hat.

Natürlich  stimmt es, dass beide deutsche Armeen von Angehörigen der ehemaligen Wehrmacht aufgebaut wurden. Wen hätte man auch sonst nehmen sollen?  Aber heute noch davon zu sprechen, es findet in der Bundeswehr immer noch eine gewisse Verherrlichung der Deutschen Wehrmacht statt, zeugt von schlichter Inkompetenz. Wer heute von Kadavergehorsam, Austreiben des  alten Geistes spricht, hat die Zeichen der Zeit wirklich nicht erkannt.

 Auch einige aufgehängte Bilder von Personen die in der Wehrmacht dienen mussten, oder die, nach ihren Namen benannte Kasernen, sind  in keiner Weise ein Beleg für falsch verstandene Tradition in der Bundeswehr und stellen schon gar keine  Verherrlichung  dar. Die  so genannten Experten, die sich jetzt zu Wort melden, haben entweder überhaupt nicht gedient und wenn ja, nicht in der Bundeswehr. Ich maße mir kein Urteil über die ehemalige  NVA an, weil ich in ihr nicht gedient habe. Die Angehörigen der Bundeswehr aber  haben seit der Wende, bis auf einige wenige mit sehr vielen Kameraden der NVA  vorurteilsfrei  zusammen in der Bundeswehr gedient. Viele haben ihre Chance genutzt. Viele mussten aber auch aus bekannten Gründen gehen, einige  freiwillig, weil sie mit dem System Bundeswehr nicht mehr zurechtkamen. Vor dieser Entscheidung hatte ich Respekt und dabei sollten wir es auch belassen. 

Die Gemeinschaftsunterkunft ist der Wohnbereich der Soldaten. Kontrollen durch Vorgesetzte sind auf das notwendige Maß zu beschränken. Stubendurchgänge, Kontrollen und Appelle sind anzukündigen. Von dieser Grundsatzregel kann abgewichen werden, wenn besondere Umstände und Situationen ein sofortiges Handeln erforderlich machen.  Alles das sind Merkmale der Inneren Führung, besonders ihrer Weiterentwicklung in der  heutigen Zeit. Damit ich nicht missverstanden werde, dass was zur Zeit  in der Bundeswehr vorgefallen ist, ist  schlimm genug. Es muss und wird verfolgt. Aber dieser Aktionismus wird  der Sache nicht gerecht. Es gab und es gibt heute, und das sage ich aus eigener Erfahrung als ehemaliger Berufssoldat der die meiste Zeit an der Basis, oder wie auch oft scherzhaft gesagt wird, in der „Schlammzone“ gedient hat,  keinen einzigen Offizier oder Unteroffizier der sein Tun und Handeln mit den soldatischen Tugenden der Wehrmacht verbunden hat oder noch verbindet. Seit ihrer Aufstellung haben die Angehörigen der Bundeswehr durch viele Strukturveränderungen, Wiedervereinigung, Öffnung für Frauen im Dienst an der Waffe immer wieder bewiesen, wie wandlungsfähig und flexibel sie sind, bis hin zur heutigen Einsatzarmee.

 Die Angehörigen der Bundeswehr sind  immer noch, und hier widerspreche ich auch dem Innenminister Lorenz Caffier, ein Spiegelbild der Gesellschaft. Und deshalb sollten wir nicht vergessen, dass ihre  Angehörigen unser aller Kinder sind. Ein kluger Verteidigungsminister hat einmal gesagt: „Die Bundeswehr ist nicht die Schule der Nation. Sie hat nicht den Auftrag, versäumte Erziehung nachzuholen und das gilt auch noch heute.

 Die Bundeswehr und ihre Vorgesetzten jetzt plötzlich  mehr zur politischen Willensbildung zu nutzen, wäre fatal. Das hatten wir alles schon einmal, und das ist uns nicht gut bekommen.

Man sagt ja den Mecklenburgern nach, dass hier alles etwas länger dauert, das mag stimmen. Diese Zeit nehmen sie sich aber zum Nachdenken. Das ist auch allen zu raten, die derzeit über die Bundeswehr diskutieren.“

Unser Gastautor Erwin Adickes ist Bundeswehr-Reservist

 

Hagenower Grenadiere waren mittendrin

Als eines der nicht gerade zahlreichen Einsatzbataillone des Heeres stehen die Hagenower Grenadiere des Bataillon 401 seit Jahren im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Auch die Diskussionen um die  angebliche Rechtslastigkeit der Bundeswehr gingen an den Hagenower Soldaten nicht spurlos vorbei. Auch in der Hagenower Kaserne gab es eine umfangreiche Untersuchung, auf Gegenstände und Darstellungen, die mit der Wehrmacht zu tun haben. Ohne Ergebnis. Fast zeitgleich kam die politische Diskussion auf, dass der Name Ernst-Moritz-Arndt für die Kaserne unpassend wäre. Von beiden Vorfällen waren die Soldaten, für die die nächsten Auslandseinsätze bereits anstehen, mehr als genervt. Viel wichtiger werden Ausstattungsfragen genommen. So ist vor allem die Ausrüstung des Bataillons mit Großgerät problematisch. Vor allem die  Zahl und die  Einsatzbereitschaft der Schützenpanzer vom Typ „Marder“ ist unzureichend. Das in den 1960er-Jahren entwickelte Gerät ist in die Jahre gekommen. Die Hagenower sollen nach derzeitigen Planungen das letzte Bataillon der Bundeswehr sein, das in einigen Jahren mit dem Nachfolger „Puma“ ausgerüstet werden soll.
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