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Hagenower Kreisblatt

20. November 2017 | 01:32 Uhr

Schüleraustausch : Ein Jahr in Japan

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Eine Elftklässlerin des Boizenburger Elbe-Gymnasiums verbrachte das letzte Schuljahr in der Neun-Millionen-Metropole Tokio

svz.de von
erstellt am 18.Jul.2017 | 05:00 Uhr

Nun muss sie die elfte Klasse zwar noch einmal machen, aber das war es Michèle wert. Die Schülerin des Elbe-Gymnasiums hat das vergangene Schuljahr in Japan verbracht, genauer gesagt in Tokio. Jetzt spricht sie zwar so gut Japanisch, dass sie dort dem Unterricht folgen konnte, für die Schulinhalte des deutschen Lehrplanes, die sie für ihr Abitur braucht, nützt ihr das jedoch wenig. Stattdessen ist sie um eine Unmenge an Erfahrungen reicher, die ihren Horizont erweitert und die Jugendliche verändert haben.

Die größten Unterschiede zum Leben in Deutschland waren für Michèle das Essen und die völlig andere Mentalität. „Hier in Deutschland stellt man eher sich selbst an die erste Stelle. Die Japaner sind darauf fokussiert, dass zuerst die Bedürfnisse aller anderen kommen“, erklärt die Schülerin, die in Vellahn wohnt. Auch würden sich die Japaner ständig entschuldigen, selbst wenn sie angerempelt wurden dafür, dass sie im Weg standen.

Das Essen besteht vor allem aus viel rohem Fisch mit Reis und Gemüse - und Michèle liebt es. „Die Japaner legen großen Wert darauf, nur beste Zutaten für ihr Essen zur verwenden“, erklärt sie. „Man kann immer sicher sein, dass der Fisch zum Beispiel absolut frisch ist.“ Trotzdem sei gutes Essen in Japan nicht unbedingt teuer.

Die Zeit in Japan hat sie verändert, meint Michèle. „Ich bin offener und unabhängiger geworden. Ich war oft auf mich allein gestellt, das macht unabhängig.“ Gleichzeitig sei sie nun „akzeptierender“, wie sie es nennt, nach dem Motto „Leben und leben lassen“. Dadurch sei sie inzwischen auch verständnisvoller und geduldiger, schätzt die Gymnasiastin ein. „Außerdem bin ich jetzt sicher höflicher.“ Denn Höflichkeit spielt in Japan eine große Rolle, angefangen bei den Verbeugungen zur Begrüßung. Ein weiterer Effekt ihrer Japanreise sei, dass sie ordentlicher geworden ist: „Vorher war ich eine Chaotin. Aber die Japaner legen sehr viel Wert auf Ordnung und Hygiene. Man darf auf keinen Fall mit Schuhen die Wohnung betreten. Bevor man ins Schwimmbad geht, muss man sich 10 bis 15 Minuten lang duschen und einer kompletten Grundreinigung unterziehen. Und die Japaner besitzen keine Spülmaschinen. Sie waschen in der Familie alles mit drei Spülgängen per Hand ab.“ Michèle muss es wissen, denn unfreiwillig hat sie während ihrer zehn Monate in Tokio drei Mal die Gastfamilie wechseln müssen. Aber auch das hat sie gepackt.

Der Anfang sei allerdings hart gewesen, weil es für die Austauschschülerin schwer war, Freunde zu finden. „Die Japaner finden alles interessant, was aus dem Westen kommt.“ Also auch die Elftklässlerin aus Mecklenburg. Aber nach drei Tagen sei der Hype um sie vorbei gewesen. „Alle sind sehr schüchtern. Der Kontakt zwischen Jungen und Mädchen ist auch sehr kompliziert.“ Zum Beispiel würde Sport getrennt nach Geschlechtern stattfinden oder beim Schulausflug getrennt gegessen. „Partys gibt es nicht“, erinnert sich die Jugendliche. Aber dann habe sie Freunde im Kendo- und Kunstklub gefunden. Kendo ist der japanische Schwertkampf. „Zuerst hatte ich dadurch nur männliche Freunde, aber das hat sich bald geändert.“

Freunde in Japan verbringen meistens ihre Freizeit, indem sie vor allem gemeinsam essen gehen - mindestens drei Mal in der Woche - oder Disneyland besuchen oder im Stadtzentrum zusammen shoppen. Paare dürfen übrigens in der Öffentlichkeit weder Händchen halten noch beim Küssen erwischt werden.

Ein normaler Schultag begann für Michèle um 6.30 Uhr. Dann ging es mit dem Zug zur Schule. „Da sind so viele Leute, dass es Mitarbeiter der Bahn gibt, die auf den Bahnhöfen stehen und die Menschen in den Zug drücken, damit alle reinpassen“, erinnert sie sich. Von 9.10 bis 15 Uhr hatte sie Unterricht, wie in Deutschland dauert eine Schulstunde 45 Minuten. Am Nachmittag gab es weitere schulische Aktivitäten wie Tennis, Rugby, Musik, Theater, Kunst oder eben Kendo. „Kendo würde ich gern weiter trainieren“, wünscht sich Michèle. Sie kann sich jetzt auch vorstellen, nach dem Studium für immer nach Japan zu gehen. Dort würden dringend Englischlehrer gesucht. Und sie könne ja jetzt Deutsch, Englisch und Japanisch. „Japan hat Spaß gemacht. Aber es war auch anstrengend.“

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