Hagenow : Ehemalige Schleckerfrau will in den Landtag

Ilka Rietzschel hat viel erlebt. Jetzt will sie in der Politik mitmischen.
Ilka Rietzschel hat viel erlebt. Jetzt will sie in der Politik mitmischen.

Ilka Rietzschel hat für 6,50 Euro die Stunde gearbeitet und will sich jetzt als Politikerin für Gleichstellung und mehr Mindestlohn einsetzen

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12. August 2016, 21:00 Uhr

Viele kennen sie noch aus dem Schleckermarkt in Hagenow. Ein Pläuschchen zwischen den Regalen über Dieses oder Jenes. Jetzt will Ilka Rietzschel oben mitmischen, die kleinen Sorgen in die große Politik tragen. Und dabei will sie eines ganz gezielt versuchen: „Es anders zu machen als die jetzigen Politiker“, sagt die 52 Jahre alte zweifache Mutter. Sie tritt als Kandidatin für die Partei Die Linke zur Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern am 4. September an. Als Politik-Neuling.

Erst 2014 findet sie den Weg in die Partei. In einer Zeit, in der es ihr selbst beruflich nicht so gut geht. Nach 15 Jahren im Betrieb das Aus bei Schlecker, ein Jahr arbeitslos, ein schlecht bezahlter Job im Einzelhandel: Während dieser Umbruchzeit hätten die Menschen in der Partei sie auch ein Stück weit aufgefangen. Heute arbeitet sie als Berufsbegleitererin bei BBS-Start in Boizenburg.

Ihre Erfahrungen im Leben spiegeln sich auch in ihren politischen Zielen wieder. „Ich habe mich auf die Gleichstellungspolitik eingeschossen“, sagt Ilka Rietzschel. Gleiche Arbeit, gleicher Lohn für Männer und Frauen. Denn das sei nach wie vor Thema. Es gebe so viele Alleinerziehende, die mit ihrem zur Verfügung stehenden Geld nicht klar kommen. „Das will ich versuchen, zu ändern. Das liegt mir am Herzen.“ Dafür müsse man aber auch ein gutes Team hinter sich haben.

Sie selbst hat für 6,50 Euro die Stunde gearbeitet und musste beim Amt aufstocken, um zurechtzukommen. Eine Erfahrung, die wohl nicht viele hohe Politiker machen mussten. Mittlerweile gebe es zwar den gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro, so Ilka Rietzschel. Das sei ein kleiner Schritt, aber immer noch nicht ausreichend.

Warum sie nicht erst in die Kommunalpolitik einsteigt? Ihr liege zwar die Stadt sehr am Herzen, sagt die Hagenowerin. „Aber im Land kann man mehr erreichen. Und das hat dann auch positive Auswirkungen auf die Stadt und ihr Umfeld.“ Und Parteikollegin Hannelore Kryczak bestärkt diesen Schritt. „Manchmal ist es auch gut, wenn jemand von außen kommt. Mit anderen Sichtweisen, als wenn man schon lange in der Politik ist.“

Ilka Rietzschel beschreibt sich selbst als zurückhaltend. „Ich bin kein Draufgänger“, sagt sie. Und auch kein Typ für Ausschweifungen und Phrasen. Dinge angehen, heißt ihre Devise. Dass sie auch dafür noch mehr aus sich herauskommen muss, weiß die schüchterne Kandidatin. Aber „man lernt immer dazu.“

Sie wächst in Riesa in Sachsen auf und findet 1993 den Weg nach Hagenow. Ihr damaliger Mann war hier bei der Armee. In ihrer beruflichen Umbruchphase 2014 unternimmt sie mal einen Versuch, wieder zurück in die Heimat zu gehen. „Aber nein“, sagt sie, „ich kann dort nicht mehr leben.“ In Hagenow hätte sie ihre Freunde und die Kinder in der Nähe. Außerdem seien die Menschen und die Landschaft hier so toll.

Die Aufregung vor der Wahl steigt jetzt von Tag zu Tag. Sie grübelt oft in der Nacht. Darüber, was wohl kommen wird, wie alles werden wird. Eines steht aber in jedem Fall für sie fest. Sie will stets sie selbst bleiben. Die Frau, die im Hagenower Kietz wohnt, schon beim Frühstück ein Buch liest und an der Kasse eines Drogeriemarktes stand.

Noch heute sprechen die Menschen sie auf der Straße an. Ihre Zeit bei Schlecker klingt nach. Und „das ist schön“, sagt Ilka Rietzschel. Viele, gerade die Älteren, hätten oft Geschichten erzählt. Manche sind auch einfach nur reingekommen, um zu reden, ohne irgendetwas zu kaufen. „Es tat ihnen gut.“

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