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Nach Xavier in Pritzier zurückgelassen : Drei Männer vier Tage im Speisewagen...

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Wie ein Koch und zwei Kellner aus Tschechien nach Sturmtief Xavier im verlassenen IC bei Pritzier vagabundieren mussten

svz.de von
erstellt am 09.Okt.2017 | 21:00 Uhr

Es ist eine schier unglaubliche Geschichte. In einem gestrandeten IC, der zwischen Hamburg und Prag unterwegs war, hausen bei Pritzier drei verlassene Männer - mitten im Nirgendwo. Und das seit vier Tagen schon. Als Sturm Xavier die Welt kurzzeitig aus den Angeln hob, stand auch der Zug im tiefsten Mecklenburg still. Als jedoch die 300 Insassen der Bahn am Sonntag evakuiert wurden, blieben drei Männer an Bord - David, Vaclav und Ales. Sie sind das Personal des Speisewagens und sollen auf Anweisung bleiben.

Berge von Papiertaschentüchern, die neben der Notdurft an den Gleisen liegen, lassen schon außerhalb des Zuges erahnen, dass sich an Bord noch Menschen befinden. Nach ein paar gut gewählten Schritten und impulsiven Hallo-Rufen öffnet sich die letzte Tür des Zuges. „Hello, one moment...“, heißt es in feinstem Tschenglisch. Bereits jetzt ist klar: Das hier wird keine traurige Geschichte. Denn der Mann lacht und freut sich wohl, dass jemand zu Besuch kommt. Ein paar Augenblicke später stehen Ales und David auf den Gleisen - gut drauf. Und das obwohl sie doch seit vier Tagen in einem Zug leben, scheinbar von allen guten Geistern verlassen.

In gebrochenem Deutsch erklären die beiden Kellner, warum sie seit Donnerstag hier in der Pampa festhängen und warum es ihnen die Laune noch nicht verhagelt hat. „Wir sollten im Zug bleiben. Im Speisewagen ist zu viel Ware und Geld. Da konnten wir nicht weg“, sagt Ales. „Und wir haben Budweiser und Pilsener Urquell“ ergänzt David mit einem breiten Grinsen. Sofort wird klar, dass es den Männern tatsächlich nicht so schlecht geht. Schon gar nicht, als im Speisewagen der Dritte im Bunde auftaucht. Auch Vaclav, der Koch, hat gute Laune. Er spricht zwar kein Deutsch, aber bei der gesamten Unterhaltung grinst er, als könne die Stimmung nirgends besser sein als in einem verlassenen Zug zwischen Hagenow und Pritzier. „Wir haben Entenkeule, Knödel und Rotkohl - nur kalt“, sagt Oberkellner David und schon wieder können sich die drei Männer vor Lachen kaum halten. Den drei Tschechen aus dem Speisewagen ein Bier auszuschlagen, verbietet sich von selbst. „Prost!“

300 Passagiere hatten am Donnerstag den Zug verlassen, der nicht mehr fahren konnte, da die Strecke ohne Strom war. Im Tief „Xavier“ hatten umgekippte Bäume die Oberleitung beschädigt, waren auf die Gleise gekippt. Unter der Leitung von Kreiswehrführer Uwe Pulss wurden alle evakuiert. Nur die drei Tschechen nicht. „Wir haben erfahren, dass die Jungs vom Bordpersonal sind und offiziell im Zug bleiben dürfen. Versorgen konnten sie sich offenkundig “, so der Einsatzleiter.

Und wie sie das können. David zeigt wie sie mit ein wenig Reststrom ihre Handys und Tablets aufladen. „Es kann ja sonst schon mal langweilig werden hier. Nur Bier trinken und schlafen wollten wir auch nicht. Also haben wir uns ein paar Filme angesehen. Unter Licht war hier ja nicht viel los“ so der Mann, der im Speisewagen das Sagen hat. Sein junger Kollege Ales fügt hinzu: „Wir waren aber auch Pilze sammeln und mittags sind wir zum Essen ins nächste Dorf gewandert. Warmes Wasser und warmes Essen - das musste sein.“

Die Schlafgemächer im Speisewagen sehen gar nicht ungemütlich aus. Decken, Kissen, Matratzen. David schmeißt sich mit einem Satz auf sein Bett und demonstriert wie er hier die vergangenen Tage verlebt hat - in der Waagerechten. Die Männer haben sichtlich Spaß. Doch dann ist der Traum ausgeträumt. Eine Diesellok aus Berlin kommend bringt die Rettung. „Eener muss die Leute ja holen, wa...“, heißt es aus dem Führerhaus der roten Lok auf Berlinerisch.

Tatsächlich: Die schöne Zeit, denn unglücklich wirkt keiner der Männer, ist beendet. Nach vier Tagen geht es heimwärts. Die Frauen, Freundinnen und Kinder freuen sich schon. Ales, David und Vaclav haben es geschafft. Mit Geduld und Bier sind mehr als 70 Stunden im Speisewagen vorüber. Als Abschiedsgeschenk bekommt auch der Reporter Entenkeule, Rotkohl und Knödel - kalt.
 

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