Boizenburg : Die Suche nach dem Großvater

Weihnachten 2015 erhielt Anja Fischer von ihrem französischen Onkel endlich Bilder ihres Großvaters Savinien Salomon.
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Weihnachten 2015 erhielt Anja Fischer von ihrem französischen Onkel endlich Bilder ihres Großvaters Savinien Salomon.

Vertretungspastorin Anja Fischer ist die Enkelin eines französischen Kriegsgefangenen und hilft dem Verein „Herzen ohne Grenzen“

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12. August 2016, 21:00 Uhr

Es gibt Erlebnisse, die brauchen sehr lange Zeit, bis man öffentlich über sie reden kann, manchmal sogar bis in die nächste oder übernächste Generation. In der Familie von Anja Fischer, die derzeit in Boizenburg Vertretungspastorin für Hartwig Kiesow ist, war das ebenso. „Auf dem Bauernhof meiner Großmutter bei Heiligenbeil in Ostpreußen gab es ab 1943 zwei französische Kriegsgefangene, die bei der Arbeit halfen. Meine Großmutter Emma erzählte später viel von Salomon. Es wurde immer in der Familie gemunkelt, meine Mutter Ellen sei durch eine Liebesbeziehung meiner Großmutter mit ihm entstanden. Aber sie hat ihr Geheimnis 2007 mit ins Grab genommen“, berichtet die Pastorin, die eigentlich in Schwerin lebt.

Die Geschichte ist exemplarisch für diese Zeiten, in denen es zahllose ähnliche gegeben hat. Die Frauen mussten mit ihren Kindern allein klar kommen, ihre Männer waren, wie Franz, mit dem die damals 33-jährige Emma verheiratet war, schon seit Jahren als Soldaten im Krieg. Emma hatte schon drei Kinder mit Franz und war mehr als froh, dass sie bei der schweren Arbeit auf dem Bauernhof Hilfe hatte.

Doch Verhältnisse mit Kriegsgefangenen galten als Verrat. Wurden sie bekannt, konnten die Gefangenen selbst eingesperrt werden, aber auch den Frauen drohten Strafen. „Die Frauen aus dieser Gegend hier, den Altkreisen Hagenow und Ludwigslust, überhaupt aus Mecklenburg, wurden zum Teil ins Arbeitshaus Güstrow gebracht, das war ein Zuchthaus“, erklärt Anja Fischer, die sich sehr intensiv mit dem Thema beschäftigt hat. „Wenn sie schwanger waren, wurden sie teilweise zur Abtreibung gezwungen.“ Da zum Zuchthaus auch ein Kinderheim gehörte, kann man annehmen, dass die Kinder, die trotzdem geboren wurden, dort abgegeben werden mussten oder freiwillig abgegeben wurden.“ Dieses Kapitel der deutschen bzw. europäischen Geschichte wartet noch auf seine Aufarbeitung.

Anja Fischer begann nach dem Tod ihrer Großmutter Fragen in der Familie zu stellen und erhielt eines Tages Gewissheit von ihrer Großtante. Die erklärte ihr, dass Anjas Mutter Ellen ganz sicher die Tochter von Salomon ist, sie habe von dem Liebesverhältnis gewusst. Anjas Tante Gisela, die den fröhlichen, höflichen und gebildeten Salomon auf dem Hof erlebt hat und der ihr half, schreiben zu lernen, als sie in die Schule kam, konnte sich noch an die nachfolgenden Erlebnisse erinnern: Die fast aussichtslose Flucht aus dem brennenden Kessel von Heiligenbeil bei Königsberg über das zugefrorene Haff, bei der viele Menschen einbrachen und ertranken. „Meine Großmutter mit ihren sechs Schwestern, den Kindern und der Urgroßmutter wäre niemals heil über das Haff gekommen, wenn Salomon und Paul nicht gewesen wären. Sie legten Eichenbalken über das Eis, so dass nach und nach der Pferdewagen darüber fahren konnte“, erzählt Anja Fischer. Weiter ging es danach nur noch per Schiff. „Doch da durften die Kriegsgefangenen nicht mit rauf.“ Zum letzten Mal habe Emma Salomon und Paul im Lazarett gesehen, in das der durch Bombensplitter schwerverletzte Franzose Paul nur aufgenommen wurde, weil Emma einen Aufstand machte.

Salomon blieb bei ihm, Emma und ihre Familie verschlug es nach Schwerin. „Meine Tante erinnert sich, dass es einen riesigen Streit gab, als Franz nach jahrelanger Kriegsgefangenschaft wieder heimkehrte. Er verlies die Familie, kehrte aber nach einer Woche wieder.“ Das Paar lebte zusammen, bis Franz 1997 starb.

Anja Fischer forschte die letzten fünf Jahre lang nach ihrem französischen Großvater und verbrachte sehr viel Zeit in Archiven. Letzten Endes verhalf ihr der Verein „Herzen ohne Grenzen“ (franz. „Coeur sans frontières“) zum Erfolg. Im letzten Jahr im Juli konnte sie ihrer Mutter zum 70. Geburtstag ihre Identität schenken. Salomon war der Nachname ihres Vaters, dessen Vornamen Savinien niemand hier aussprechen konnte. Er stammte aus Savoyen und hatte den Krieg überlebt. Er kehrte nach Hause zurück und lebte bis zu seinem Tod vor zehn Jahren mit der Frau, die er kurz vor seinem Antritt zum Kriegsdienst noch geheiratet hatte. Mit ihr hatte er drei Kinder, wovon die Tochter zunächst jeden Kontakt zu Anja Fischer verweigerte. Doch dann erklärte sich der jüngste Sohn zu einem Treffen bereit, in der nächsten Woche ist es so weit.

Durch ihre eigenen Erlebnisse möchte Anja Fischer auch anderen helfen, ihre französischen Väter, Großväter oder ihre Verwandten in Deutschland zu finden. Wer dabei Hilfe braucht, kann sich unter 0157/5612 4848 oder afischerschwerin@aol.com an sie wenden.

Aktuell sucht eine Frau Guffont ihre Halbschwester in Mecklenburg, die mit ihrem inzwischen verstorbenen Vater Mariuse Amoudruz gezeugt wurde. Er gehörte 1941 bis 45 zum Kommando 962 des Stammlagers STALAG II A. „Boizenburg ist so wichtig für diesen Aufruf, weil hier das Arbeitskommando 961 war“, meint Anja Fischer.

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