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Hagenower Kreisblatt

23. August 2017 | 08:24 Uhr

Boizenburg : Die Bücher-Nixen von der Elbe

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Seit 25 Jahren führen Margitte Wolfgramm und Ingrid Hartung einen heldenhaften Kampf um den Erhalt ihrer Elbe-Buchhandlung

Die von zwei unbeugsamen Bücher-Liebhaberinnen besetzte Buchhandlung an der Elbe hört nicht auf, Widerstand gegen die Amazonisierung der Bücherwelt zu leisten. Das ist nicht nur wahr, so ungefähr beginnt auch der witzige Werbespot, mit dem die beiden Inhaberinnen der Elbe-Buchhandlung in der Boizenburger Klingbergstraße seit einiger Zeit im hiesigen Kino werben.

Den harten Überlebenskampf von Margitte Wolfgramm und Ingrid Hartung in den 25 Jahren seit ihrer Geschäftsgründung kann man vielleicht so zusammen fassen: Unerschrocken gingen sie mit der Zeit und versuchten, auf alle Wendungen und Täler des Buchhandels zu reagieren. Bei ihnen kann man heute vom Buch über die CD bis zum Film alles online bestellen, es gibt wie in großen Buchhandlungen eine kleine Ecke mit Geschenkartikeln und natürlich die aktuellen Bestseller. Und sie lassen sich für ihre Werbung immer wieder etwas Neues einfallen - nun sogar einen Filmspot.

Zudem gibt es in dieser Oase für Büchernarren aber etwas, das es in den großen Buchhandlungen oder bei Amazon nicht gibt: „Wir können unsere Stammkunden mit Namen begrüßen und uns nach dem Enkelkind erkundigen. Unsere Kunden sind auch so etwas wie Familie“, sind sich die beiden Frauen einig. Sie haben Kunden, die mit ihrem Nachwuchs zu ihnen kommen, die schon selbst als Kinder an der Hand ihrer Eltern die Welt der Bücher in diesem Geschäft entdeckten.

Besonders ist auch die kompetente und geduldige Beratung auf beispielsweise die Frage: Haben Sie ein Buch zum Abschied einer Kollegin in die Rente?

Seit 1973 arbeiten die beiden Damen schon zusammen, damals noch mit drei weiteren Mitarbeiterinnen in der Elbe-Buchhandlung des Volksbuchhandels der DDR in der Königstraße. Dann kam die Wende, der Volksbuchhandel wurde abgewickelt und die beiden Bücher-Nixen mussten sich überlegen, wie es für sie weitergehen soll. Sie konnten den Namen der Elbe-Buchhandlung übernehmen und gründeten am 1. Juni 1996 ihr eigenes Geschäft.

„Die Marktwirtschaft war für uns natürlich ein Sprung ins kalte Wasser. Sogar mehr als das“, erinnert sich Margitte Wolfgramm, die ursprünglich aus Hagenow kommt. „Da kamen Respekt einflößende Vertreter in Schlips und Anzug, die uns sagten: ’Das müsst ihr alles unbedingt kaufen!’ Und dann kauften wir das. Wir mussten richtig Lehrgeld bezahlen“, blickt die geborene Boizenburgerin Ingrid Hartung auf diese Zeit zurück. Drei bis vier Jahre habe es gedauert, bis sie das Chaos einigermaßen beherrschten. Dann kamen andere Probleme.

1996 zeichnete sich ab, dass sie das Gebäude in der Königstraße, das nun einer Erbengemeinschaft gehörte, aufgeben müssen. Damals florierte der Handel in der Innenstadt noch, ein Geschäft nach dem anderen öffnete und die Bücherfrauen sorgten sich, irgendwann an den Stadtrand umziehen zu müssen. Also erwarben sie ein Grundstück und bauten selbst. 1997 zogen sie in das Haus in der Klingberg-/Ecke Große Wallstraße. „Bei dem Umzug hat uns eine Menschenkette aus 80 Leuten geholfen, Familie, Freunde und vor allem Kunden“, erzählt Ingrid Hartung. „Das sind die Augenblicke, wo wir wissen, wir haben alles richtig gemacht.“

Kurz nach dem Einzug fertigte Fliesenkünstler Lothar Scholz für die Buchhandlung ein Bild. Die schöne lesende Nixe hängt seitdem über dem Eingang und wirbt auch als stilisiertes Bild auf einem Schild an der Autobahn 24 für Boizenburg.

Ein anderer der besonderen Augenblicke sei beim Hochwasser 2002 gewesen, erzählt Hartung. Da musste die Buchhandlung, die nahe am Hafen liegt, wegen der drohenden Überflutung innerhalb von ein paar Stunden ausgeräumt werden. Auch hier waren neben der Familie und den Freunden sofort die Kunden zur Stelle und halfen.

Dann kam noch die Umstellung auf den Euro, die zur einem herben Tief für die Buchhändlerinnen führte, der zunehmende Online-Handel und der Rückgang der CD-Verkäufe. Die Elbe-Buchhandlung hat alle Tiefs überlebt. Ende 2017 wollen die beiden Bücherfrauen in Rente gehen und suchen daher dringend einen Nachfolger. Es sieht wohl gar nicht so übel aus, wie zuerst befürchtet. Demnächst werden Gespräche mit Interessenten geführt.

Am 1. Juni ab 17 Uhr feiern die beiden Unerschrockenen aber erst mal ihr Jubiläum und laden alle ihre Kunden zum Mitfeiern ein.

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erstellt am 27.Mai.2016 | 12:00 Uhr

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