Zarrentin : Die Bibel auf dem Rückzug?

Im Glauben gehe es vor allem um Vertrauen und Geborgenheit, meint Pastor Jürgen Meister aus Zarrentin.
Im Glauben gehe es vor allem um Vertrauen und Geborgenheit, meint Pastor Jürgen Meister aus Zarrentin.

Verlieren Kirche und Glaube an Bedeutung? Suche nach Antworten mit Pastor Jürgen Meister

23-11367842_23-66107387_1416392026.JPG von
18. Januar 2018, 12:00 Uhr

Die Kirche, evangelisch wie katholisch, ist im Umbruch, die Zeiten sind hart, denn die Mitgliederzahlen schwinden, der Bedeutungsverlust droht. Obwohl Kirche in den letzten Jahren viel liberaler, entspannter und weltoffener auf Menschen zugeht, fühlen sich dennoch viele von ihr nicht mehr angesprochen. Sie wenden sich ab, die Bibel ist ihnen gleichgültig. Nur am Heiligabend pilgern sie in Scharen die Gotteshäuser, auf der Suche nach Etwas, das sich glauben lässt.

„Unsere evangelisch-lutherische Kirche war mit rund 500 Besuchern zur Vesper und später noch einmal 100 Menschen zur Andacht an Heiligabend eine begehrte Adresse“, erinnert sich Pastor Jürgen Meister an das volle Gotteshaus. Auch Gottesdienste mit bis zu 300 Teilnehmern habe er schon erlebt. Doch das sei lange her, sagt der 56-Jährige, der seit 2001 den etwa 1100 Kirchengemeindemitgliedern vorsteht. Bis Monatsende auch als Vertreter für den Sprengel Döbbersen, Lassahn und Neuenkirchen. Denn besonders die Situation auf den Dörfern sei schwierig.

„Beim sonntäglichen Gottesdienst zähle ich in der Regel zwischen 30 bis 50 Besuchern“, berichtet der gebürtige Wittenburger weiter, der seit 1995 Pastor ist. Das sei vor 20 Jahren nicht anders gewesen. „Die Kollektebücher sagen jedenfalls nichts anderes aus“, betont Meister, dem das Festhalten an Zahlen angesichts der Alterspyramide im Land zu kurz greift, um über die Bedeutung von Kirche in der heutigen Zeit zu urteilen. „Ich bin fest davon überzeugt, dass das Wort Gottes für viele Menschen immer noch wichtig ist. Gedanken machen müssen wir uns über die Methoden, wie man sie auch im Alltag erreicht“, so Meister, der froh und dankbar sei, dass mit der örtlichen Schule Projekte liefen, zu denen Schüler kämen. Dank zweier Religionslehrer an der Fritz-Reuter-Schule funktioniere die Zusammenarbeit zwischen Bildungseinrichtung und Kirchengemeinde hervorragend.

„Wir wollen Religion für Jugendliche und junge Erwachsene neu gestalten und ein bisschen auch entstauben. Ihre Eltern tragen oftmals noch das aus DDR-Zeit geprägte Bild der Kirche im Kopf und haben Berührungsängste. Ihnen ist oftmals nicht bekannt, was Kirche und Religion überhaupt bedeuten. Mir fällt auf, dass vielen ein religiös-symbolisches Denken fehlt“, erklärt Meister weiter im SVZ-Gespräch und stellt klar: „Glauben hat auch immer etwas mit Zweifeln zu tun. Sie zuzulassen, sorgt dafür, dass Glaube wächst.“

Als guter Hirte, das wisse er auch, müsse er den Glauben vorleben. Für seine Gemeinde eine Atmosphäre des Vertrauens und der Geborgenheit schaffen. „In einer Welt mit viel Oberflächlichkeit und wenig Tiefgang, die immer komlizierter und komplexer wird, brauchen wir Verlässlichkeit“, führt der Gottesmann weiter aus, der im Übrigen keine schleichende Gefahr der Islamisierung des Abendlandes sieht. „Was uns verbindet ist die Buchreligion. Aus dem Gefühl der Fremdheit und des Nichtwissens resultiert oft Unsicherheit gegenüber Muslimen oder sogar Angst. Besonders wenn man sieht, wie aktiv sie ihren Glauben leben“, sagt Meister, der glaubt, dass beides füreinander bereichernd sein könne. Meister: „Die Frage, die ich mir als Christ stellen muss, ist doch: Wo gehöre ich hin, wo stehe ich? Wenn ich das weiß, kann ich auch Juden oder Moslems gegenübertreten.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen