Ludwigslust : „Der Streit läuft auf unseren Rücken“

Zwei erfahrene Schwestern des Stifts im Gespräch: Martina Seidel von der Kardiologie (li.) und Daniela Schult von der Notaufnahme in Ludwigslust. Ihre Botschaft: Im Ludwigsluster Krankenhaus geht es seit Monaten wieder deutlich vorwärts.
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Zwei erfahrene Schwestern des Stifts im Gespräch: Martina Seidel von der Kardiologie (li.) und Daniela Schult von der Notaufnahme in Ludwigslust. Ihre Botschaft: Im Ludwigsluster Krankenhaus geht es seit Monaten wieder deutlich vorwärts.

Schwestern im Stift Bethlehem haben die Schlammschlacht um ihr Haus gründlich satt und wollen vor allem wieder in Ruhe arbeiten

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30. Juli 2015, 08:00 Uhr

Über kein Krankenhaus ist in den vergangenen Wochen so oft berichtet worden, wie über das Stift Bethlehem in Ludwigslust. Beim Streit um den Weggang von Ärzten, bei den Ängsten vor angeblicher Schließung, bei den Berichten über Proteste, bei den Stellungnahmen ist in der Öffentlichkeit insgesamt ein Bild vom Haus entstanden, das mit der täglichen Arbeit im Stift und den Leistungen, die dort erbracht werden, sehr wenig zu tun hat. SVZ sprach jetzt mit zwei Schwestern des Hauses in Leitungsverantwortung über die tatsächliche Lage und die Stimmung im Stift.

Martina Seidel, Stationsschwester der Kardiologie und seit 1988 im Stift, gerät jedes Mal in Rage, wenn das Stift in den Schlagzeilen ist. „Ich kann es nicht mehr hören und lesen. Ja, es gibt Probleme. Doch wir sind da, wir arbeiten, wir arbeiten sogar erfolgreich. Und das gerade auch in meiner Abteilung, wo wir mit den Schweriner Ärzten eine hervorragende Zusammenarbeit haben und vielen Patienten hier helfen können. Leider geht das in dem Hin und Her oft genug unter, so dass wir schon einigen erklären mussten, dass wir aufhaben.“

Ihrer Kollegin, Daniela Schult, Stationsschwester in der Notaufnahme und seit 1986 im Stift, ergeht es nicht anders. Die Leute würden immer nur von Schließung oder dem Weggang der Ärzte reden. „Sicher hat das auch Lücken hinterlassen, die wir jetzt schließen müssen und die von allen noch mehr Arbeit verlangen. Aber das heißt doch nicht, dass wir zumachen oder etwas in dieser Richtung.“

Inzwischen, so berichten beide in dem langen Gespräch, gäbe es unter den Schwestern aber auch unter den anderen Mitarbeitern eine ziemliche Enttäuschung über die Ärzte, die weg gegangen sind. Und es gibt auch Wut über die, die im Nachhinein über die Öffentlichkeit schmutzige Wäsche waschen wollten. Schult: „Die Enttäuschung ist da. Gerade weil man über die Jahre so lange und so gut zusammengearbeitet hat. Doch wir kämpfen, und an vielen Stellen geht es tatsächlich auch wieder vorwärts.“

Stimmungsschwankung selbst miterlebt
Martina Seidel hat die Stimmungsschwankungen in der Belegschaft am eigenen Leib mit erlebt. „Ich hatte auch Angst. Bis November vergangenen Jahres hatten wir normale Konflikte, die zu einem Krankenhaus gehören. Dann eskalierte es. Und es gab die Wochen bis zum Januar diesen Jahres, wo ich auch Angst hatte vor dem, was kommt. Dann kam aber der Wendepunkt. In meinem Bereich, der Kardiologie, war das die Kooperation mit den Schweriner Ärzten. Seitdem geht es aufwärts. Ich glaube es nach meiner langjährigen Erfahrungen beurteilen zu können, welch gute Arbeit hier geleistet wird. Nur müssen wir das wohl einigen niedergelassenen Ärzten in der Umgebung noch erklären, die glauben bei uns wäre Feierabend. Die schicken für einen Herzkatheter die Leute aus unserer Region bis nach Hamburg oder sonst wohin. Dabei kann das hier vor Ort mindestens genauso gut gemacht werden.“

Beide Schwestern, die jeweils ihre Teams händeln müssen, sprechen ihre Geschäftsführung keineswegs frei von Fehlern. Da sei einiges schief gelaufen, gerade zu Beginn der Krise. Seidel: „Aber das hat sich schlagartig gewandelt. Wir werden gerade in den letzten Wochen ganz anders mit einbezogen, wir wissen, wo die Reise hingehen soll.“

Zudem werde in der Bevölkerung verkannt, dass es längst nicht in allen Bereichen einen dramatischen Weggang von Ärzten gegeben habe. So habe sich in der Chirurgie so gut wie gar nichts verändert.

Am Ende reduziere sich die ganze Krise vor allem auf die der Ärzte. Schult: „Das Stift war gerade zu DDR-Zeiten immer etwas Besonderes, etwas anderes. Offenbar haben wir alle nicht gelernt, vernünftig zu streiten. Und mancher ist dann eben gegangen. Wir finden es schlimm, dass das alles auf den Rücken der Mitarbeiter, der Schwestern ausgetragen wird. Und wir haben es satt, immer wieder darauf angesprochen zu werden.“

Krise ist noch lange nicht vorbei
Natürlich, ergänzt Seidel, sei die Krise da, sei noch lange nicht alles vorbei. Doch es gehe vorwärts. „Wir sehen doch, dass die Kollegen aus Hagenow kommen und helfen. Und keiner von denen will uns schließen oder übernehmen. Wir sind ja schon ein Klinikum. Wir sehen die Bemühungen der Geschäftsführung, die Lücken zu schließen. Doch die Leute an der Spitze können auch nichts dafür, wenn es z. B. immer mehr Ärzte vorziehen, als Honorarkraft zu arbeiten, weil das für sie bequemer ist.“

Die Schwestern würden inzwischen nicht nur einbezogen, sie fänden mit ihren Forderungen auch zunehmend Gehör bei der Geschäftsleitung, wissen die beiden erfahrenen Schwestern. Neues Personal müsse ran, nicht nur bei den Ärzten.

Seidel: „Wir haben eine Menge erfahrene Schwestern. Von meinen 20 Schwestern geht ein Drittel die nächsten drei Jahre in Rente. Dafür brauchen wir Ersatz, wenn wir unsere Arbeit hier weiter so gut machen wollen. Doch dafür brauchen wir gerade in Ludwigslust auch wieder ein besseres Image in der Bevölkerung. Insofern wäre es gut, wenn die öffentliche Schlammschlacht einiger aufhört und wir wieder in Ruhe und Konstanz unsere Arbeit machen können.“

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