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Hagenows Panzergrenadiere bekommen neuen Chef : Der Kampfkommandeur geht von Bord

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Kommandeur Andreas Kühne gibt ab Donnerstag sein Amt ab. Als Kommandant des Kampfverbandes in der Region rund um das afghanische Kunduz hatte er mehr als 700 Mann über sechs Monate unter seinem Kommando.

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erstellt am 16.Apr.2013 | 10:26 Uhr

Kunduz/Hagenow | "Als es losging da habe ich wirklich nicht eine Sekunde geglaubt, dass irgendetwas schief gehen könnte, etwas passiert. Da hatten andere mehr Angst, doch meine Jungs, die haben genau gewusst, was sie machen."

Der hühnenhafte Kommandeur Andreas Kühne spricht hier vom 5. Oktober vergangenen Jahres, ihrem längsten Gefecht. Der Anlass war simpel, Begleitschutz für einen amerikanischen Konvoi, der eine wichtige Verbindungsstraße prüft. Dann wird ein Spezialfahrzeug der Amerikaner "angesprengt", das US-Heer hat fünf Verletzte mehr und die dritte Kompanie des Hagenower Grenadierbataillons liegt plötzlich unter Beschuss. Kühne: "Alles was man sich denken kann, Handfeuerwaffen, Panzerfäuste sogar Mörser kamen zum Einsatz. Und die 3. Kompanie unter Hauptmann H. hat hervorragend reagiert." Nach sechs Stunden ist das Gefecht nahe einer Ortschaft beendet. Die Deutschen haben keine Verletzten, vom Gegner behauptet das niemand. Genaueres erfährt man auch auf Nachfrage nicht.

"Wir haben auch Glück gehabt", "Wir sind dahin gegangen, wo es weh tun kann" und "Wir haben dort operiert, wo man vor Jahren noch keinen Fuß hinsetzen konnte", sind Sätze des 42-Jährigen, der als Kommandant des Kampfverbandes in der Region rund um das afghanische Kunduz nichts aus dem Weg gegangen ist. Man sei gemeinsam draußen gewesen, war gemeinsam viele Gefahren ausgesetzt, das habe ihn geprägt und auch enge Verbindungen zu den Leuten im Bataillon geschaffen, bis runter zu den Mannschaftsdienstgraden. Wer den lebendigen Schilderungen des gelernten Panzergrenadiers folgt, der nimmt dem Oberstleutnant sofort ab, dass er sein Kommando in Hagenow in dieser Woche nur sehr schweren Herzens aufgibt. "Für mich waren die zwei Jahre hier in Hagenow die bisher schönsten bei der Armee, Geschenk und Segen zugleich. Das werde ich bei meiner Rede beim Übergabeappell versuchen, in Worte zu fassen."

"Die Sicherheitslage ist besser geworden, sagen alle"

Mehr als 700 Mann hatte er vor Ort über sechs Monate unter seinem Kommando, gut 400 aus dem eigenen Bataillon, der Rest kam aus zusammengewürfelten Einheiten, 100 Dienststellen waren eingebunden. Und dennoch habe er im Einsatz um jeden einzelnen immer wieder Angst gehabt, das etwas passiert. Das habe sich erst nach der Rückkehr gelegt. "Es sind alle wieder heil mit mir zurückgekommen, diese Erleichterung kann man nicht beschreiben."

Dabei hätte seine Truppe gar nicht kämpfen müssen, eigentlich. Schließlich waren die Hagenower mit einem Assistenszauftrag an den Hindukusch geschickt worden. Als Partner der afghanischen Kräfte sollten sie deren Operationen und Aktionen unterstützten, nach afghanischen Planungen. "Das hat nicht so geklappt wie wir uns das vorgestellt haben", bekennt er. Die Afghanen hätten bei allen Operationen schlicht das von den Deutschen genommen was sie bekommen konnten. Von großartiger Operationsplanung sei da wenig zu spüren gewesen.

Und dennoch sei die Lage im Vergleich zu früheren Jahren eine ganz andere geworden. "Ich bin wirklich sehr viel draußen gewesen, ich bin überall hingegangen und habe mit sehr vielen Menschen gesprochen. Und wirklich alle haben mir gesagt, dass die Sicherheitslage noch nie so gut war. Und sie haben verstanden, dass von der Ruhe viel abhängt, auch die Hilfe aus dem Ausland." Er habe viele an Aufbauleistungen gesehen, vom Straßenbau über die Stromversorgung und, ja, auch einige Brunnen-Neubauten seien dabei gewesen. "Wir zeigen den Menschen, was im Frieden möglich ist, und das beginnt zu wirken."

Über seine Gegner macht sich Kommandant "Andi" wie er genannt wurde, keine Illusionen. "Wir hatten mit den Mittelklasse-Taliban zu tun, die nach wie vor gut vernetzt sind und auch immer wieder Unterschlupf bekommen. Der Rückgriff auf seinen Vornamen erklärt sich mit der Übersetzung seines Nachnamen in der dortigen Sprache "Dari". Kühne hätte dort keine gute Bedeutung gehabt.

Eindruck hat er auf der Gegenseite dennoch hinterlassen. Stets umgeben von seinen persönlichen Schützern war der groß gewachsene Kommandeur auch um Deutlichkeit nicht verlegen. Mit den afghanischen Armeekräften habe es keine Schwierigkeiten gegeben. Mit den Amerikanern, die oft genug mit den Hagenowern zusammen handelten, noch weniger. Auch die Amerikaner waren in Gefechtslagen durchaus froh, wenn "The Germans" sich über Funk ankündigten. Umgekehrt waren auch die Deutschen sicher, dass die Amerikaner sie mit ihren Black-Hawk-Hubschraubern auch in kniffligen Situationen sicher raushauen würden.

Warum das alles jetzt erzählt wird? Vor Ort war nur wenig Gelegenheit, die Bestimmungen für Berichte in die Heimat sind streng, am Ende war alles zu stressig. Schließlich waren die Hagenower so gut wie jeden Tag draußen auf Patrouille, haben in dem Riesengebiet auf gut auch draußen in improvisierten Feldlagern übernachtete. "Da stellt man die Stiefel beim Schlafen ganz hoch, aus Angst, dass dort irgendwelche Tiere reinkriechen" erzählt Kühne bereitwillig.

Künftig muss er keine Stiefel mehr hochstellen, denn sein neuer Platz wird im Bundesverteidigungsministerium sein, ganz in der Nähe eines Staatssekretärs, in der Abteilung für internationale Angelegenheiten. An sein Bataillon wird er jedoch immer denken, er habe die Truppe nach vielen Monaten der Ausbildung in Einsätzen auf dem Höhepunkt erlebt. Das alles müsse nun mit dem neuen Kommandeur Oberstleutnant Michael von Block neu aufgebaut und erarbeitet werden.

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