Wittenburg / Dreilützow : Der Hüter über verwahrloste Gärten

Bio-Produzent und Philosoph Stephan Plath: Seine Teemischungen sind keine Heiltees, sondern Haustees. Die Heilwirkung, die diese haben können, wird von ihm nicht garantiert.Thorsten Meier
Bio-Produzent und Philosoph Stephan Plath: Seine Teemischungen sind keine Heiltees, sondern Haustees. Die Heilwirkung, die diese haben können, wird von ihm nicht garantiert.Thorsten Meier

Da Stephan Plath aus Dreilützow kein eigenes Land besitzt, hat er von der Stadt Wittenburg alte verwahrloste Gärten mit viel Obstbaumbestand gepachtet und sie wieder reanimiert.

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21. Juni 2012, 09:49 Uhr

Wittenburg/Dreilützow | In den etwas verwildert aber auch romantisch erscheinenden Gärten um Wittenburg fühlt sich Stephan Plath wie in seinem zweiten Zuhause. Es ist seine Parallelwelt auf rund 2500 Quadratmetern, in der er sich mehrmals die Woche zurückzieht. "Da ich selber kein Land besitze, habe ich alte verwahrloste Gärten mit viel Obstbaumbestand gepachtet und sie wieder reanimiert. Etwa zehn Kilometer von Dreilützow entfernt, pflege ich außerdem eine Streuobstwiese mit 15 alten Bäumen drauf, deren Sorten schon recht selten geworden sind."

Vor einem Jahr kam der gebürtige Wismarer, der seit 1993 in Dreilützow wohnt, erstmals auf die Idee, sich mit ökologisch gefertigten Aufstrichen ein neues Berufsfeld zu erschließen. Von 1986 bis 1997 in Zühr und später bis 2010 in Wittenburg war er über 25 Jahre lang als Altenheimleiter tätig. Damals dachte er, der katholische Theologie und Philosophie in Erfurt studiert und mit Diplomabschluss gekrönt hatte, das könne doch wohl noch nicht alles im Leben gewesen sein.

"Ich wollte jedenfalls nicht mehr im sozialen Bereich arbeiten. Da ich bereits im Alter von 25 Jahren damit begonnen hatte, privat Aufstriche zu fertigen, habe ich mich damit eben selbstständig gemacht", erinnert sich Plath, der alles selber anbaut, ohne Chemie. Getrocknetes Obst, Chutneys, pikante Soßen, Apfelkompott, Säfte, vegetarische Brotaufstriche, Tees und Fruchtaufstriche gehören unter anderem zu seiner Produktpalette. Dank der alten Gärten und seines unbändigen Fleißes.

"Ich habe gelernt, dass alles seine Zeit hat, dass man viel Geduld braucht und manches nur in kleinen Schritten verändern kann. In meinem grünen Paradies bin ich meine Ungeduld losgeworden. Meine Gärten haben mich zu einem anderen Menschen gemacht", verrät der 56-Jährige, der gerne seinen Gedanken freien Lauf lässt. Ausgerechnet im digitalen Zeitalter erblüht bei ihm die Lust am Pflanzen und Ernten. "Ich fahre jeden Mittwoch auf den Markt nach Schwerin und erlebe dort eine große Resonanz auf meine Waren, die ich ja selber herstelle. Aus allem, was saisonal so wächst. Exotisches kommt mir nicht in die Gläser" , betont Plath, mit dem man auch schweigen kann, ohne dass es peinlich anmutet. Er weiß: Es gibt ja ohne Schweigen kein Sprechen. Und ohne Einsamkeit keine Gesellschaft. Der Garten ist für ihn der Gegenort, ohne den alles nichts ist. Und der Garten ist der Ort der selbstbestimmten Arbeit. Also des Vorganges, der den Menschen erst zu einem solchen macht. Deshalb hat Plath im Frühjahr 2011 auch die Manufaktur "windundmeer" gegründet. Alle Früchte, alles Gemüse und alle sonstigen Zutaten stammten überwiegend aus eigenem, biologischem Anbau, bekräftigt er. "Während der Erntezeit können nicht alle Früchte verarbeitet werden. Deshalb friere ich Überschüsse ein, um sie dann in der Winterzeit zu verarbeiten. Meine Fruchtaufstriche bestehen in der Regel aus 66 Prozent Fruchtanteile und 33 Prozent Bio-Rübenzucker sowie Pektin und Zitronensäure." Alle Kräuter für den Tee baue er auch selber an, beziehungsweise sammle er selbst. "Nach besten Wissen stammen die Wildkräuter aus unbelasteten Gegenden. Das bedeutet zum Beispiel nicht aus Straßengräben oder ähnlichem. "

Stephan Plath braucht für sich und seine Familie kaum Gemüse zu kaufen. Sie sind dank eines Kaltgewächshauses Selbstversorger bei Kartoffeln, Salat und Tomaten. Fleisch kommt bei den Plaths nur selten auf den Tisch. Zur fragilen Natur hat der Bio-Produzent ein ganz besonderes Verhältnis: "Es ist die Erde, die uns ernährt. Wir haben eine Verantwortung für sie, sind ein Teil von ihr und leben von ihr. Wir müssen sorgfältig mit ihr umzugehen. Soweit wie möglich soll meine Manufaktur deshalb auch ihrem Wort entsprechen und reine Handarbeit sein."

Diese Handarbeit stößt bei Wittenburgs Bürgermeister Norbert Hebinck auf viel Gegenliebe: "Ich finde es toll, dass durch Herrn Plaths Aktivitäten die Gärten nicht völlig brachliegen und dass Obst und Gemüse nicht verfaulen, sondern einer vernünftigen Nutzung zugeführt werden. Es tat einem ja mitunter schon in der Seele weh, zuzusehen, wie die Parzellen verkamen."

Worte, die Stephan Plath sicher gern vernehmen wird. Gerade ihm, dem beim Graben manchmal die besten Ideen kommen. Mit denen lässt sich dann etwas anfangen, draußen, in der Welt, vor dem Gartenzaun.

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