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Schmieden als Therapie : Der harte Weg zurück ins Leben

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Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Drogensüchtige erhalten mit Schmiede-Therapie eigene Erfolgserlebnisse. Das gemeinsames Kunstwerk soll später den Eingang der Fachklinik Tessin zieren.

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erstellt am 20.Okt.2017 | 21:00 Uhr

Ihre Leidenschaft ist ebenso entbrannt, wie das Feuer in der transportablen Esse. Hammerschläge tönen weit über das Gelände. Beim Schmieden erleben die jungen Frauen und Männer, allesamt Patienten der Fachklinik in Tessin, eine Reise ins Mittelalter. Denn das Traditionshandwerk blickt stolz auf Jahrhunderte wertvoller Arbeit zurück. Und die Drogensüchtigen demnächst auf ein gemeinsames Werk. Nämlich die eisernen Umrisse ihres Klinik-Logos - zwei stilisierte Menschen, die sich die Hand reichen.

„Um positive Erfahrungen zu machen, muss das Selbstbewusstsein der Abhängigen gestärkt und für Erfolgserlebnisse gesorgt werden, ganz ohne Drogen“, erklärt Chefarzt Alf Kroker das eifrige Gewusel auf dem Hof. Dort, wo der Bildhauer und Kunstschmied Thomas Lehnigk sein Fachwissen weitergibt, völlig unprätentiös und in Augenhöhe. Und somit das Interesse jedes Einzelnen an der Fertigstellung wachhält.

„Ich bin anfänglich mit gemischten Gefühlen angereist, weil diese Einrichtung ja auch mit gewissen Vorurteilen behaftet ist. Doch ich war positiv überrascht, wie diese jungen Leute sich engagieren, wie sie mitmachen, wenn man ihnen etwas Interessantes zeigt“, gesteht der 50-Jährige im SVZ-Gespräch. Jeder Teilnehmer habe etwa zwei Stunden Zeit, sich einzubringen. „In dieser Zeit schafft jeder von ihnen etwas, worauf er mächtig stolz ist“, berichtet der Kummeraner weiter.

Das bestätigt auch der Leitende Arbeitstherapeut Torsten Pasewaldt. „Die Patienten sollen lernen, etwas anzufangen und zu Ende zu bringen. Und zum Schluss macht es ihnen so viel Spaß, dass sie gar nicht wieder aufhören wollen“, so der 52-Jährige. Sich auch ein Stück verewigen zu wollen, treibe viele an. Frauen wie Männer gleichermaßen.

Vier bis sechs Monate, so lange wohnen die Drogensüchtigen in Tessin. Sie haben Jahre lang mit einer stark  verkürzten Weltsicht gelebt und alle Interessen auf ein Minimum reduziert. Doch clean werden allein reiche nicht aus, bekräftigt Chefarzt Kroker. „Unsere Therapeuten und Psychologen betreuen jährlich etwa 110 Menschen. Ein knappes Drittel schafft den harten Weg zurück ins Leben, ein Drittel wird immer wieder rückfällig, gibt sich aber nicht auf. Und ein Drittel fällt richtig nach hinten runter, oftmals noch schlimmer als vorher. Deshalb kann ein richtiger Beruf ein wichtiger Anker sein. Wer fünf Jahre clean bleibt, gilt als jemand, der es geschafft hat. Wir  wollen auch vorbereiten auf ein Arbeitsleben danach.“

Dass etwa 60 Prozent der Bewohner keinen Schulabschluss besäßen, gibt Steffi Reimann, seit zwei Jahren Verwaltungsleiterin der Fachklinik, deren Träger die Evangelische Suchtkrankenhilfe Mecklenburg-Vorpommern gGmbH ist,  zu bedenken. „Wir bieten Unterricht in Deutsch, Mathe und Geo an, um Bildungslücken zu schließen. Es geht um realistische Zukunftsperspektiven und darum, Wege aus der Abhängigkeit zu zeigen.“ Dafür stünden die 25 Mitarbeiter der Einrichtung mit Rat und Tat zur Verfügung, um auf psychischer, physischer, geistiger wie sozialer Ebene eingedenk des ganzheitlichen Menschenbilder dieses Ortes zu helfen.

Für Marcel Stemmler ist das Schmieden ein  Spaß. „Aber für immer und ewig wäre das nichts für mich. Die Arbeit mit Metall ist nicht meins“, gesteht der 21-Jährige, klopft aber mit viel Begeisterung einen der Köpfe  für die Skulptur zurecht.

„Die   Frauen und Männer bauen hier etwas für sich selbst in einem der interessantesten Handwerke, die es überhaupt gibt. Dieses gute Gefühl, das sie dabei haben, wird sie den Rest ihres Leben begleiten. Und so vielleicht durchhalten lassen, auf der holprigen  Strecke zurück in die Gesellschaft, die sie ja noch vor sich haben“,  sagt ein nachdenklicher Thomas Lehnigk am  Ende des schweißtreibenden Tages. Und über seinem Kopf, hinter sich  an der Wand, prangen  passende Worte: „Kämpfen statt aufzugeben, so führst du ein erfolgreiches Leben.“

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