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Hagenower Kreisblatt

20. Oktober 2017 | 07:22 Uhr

Der Doktortitel im Garten

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

400 Apfelbäume im Amt Neuhaus: Drei Tage lang sind Experten unterwegs, um alte Apfel- und Birnensorten zu bestimmen und kartieren

von
erstellt am 23.Okt.2015 | 13:51 Uhr

Der Geheimrat Doktor Breuhahn ist keine medizinische Kapazität, sondern ein aromatischer und gut lagerfähiger Winterapfel. Sein typisches Merkmal: Schneidet man den Apfel durch, sieht man den ungleichen Aufbau der beiden Hälften. Bernd Pockrandt gefällt, dass er einen Apfelbaum mit Doktortitel in seinem Garten auf der Neuhauser „Amtskoppel“ stehen hat. Auch in Heini Ruhnaus Garten trifft Pomologe Jan Bade unweit der regional typischen „Carola“-Bäume auf den Geheimrat, der eigentlich aus dem süddeutschen Geisenheim stammt. Auch ein McIntosh-Apfel ist dort zu finden. Die beliebte amerikanische Apfelsorte, die einer bekannten Computermarke zu ihrem Namen verhalf, ist im Westen Deutschlands sehr selten, erklärt der Pomologe aus dem nordhessischen Niederkaufungen:„In der DDR wurden diese amerikanischen Sorten sehr gerne angepflanzt. Der McIntosh riecht ein bisschen wie ein Apfel aus dem Supermarkt, denn er ist zusätzlich parfümiert, was die Amerikaner gerne mögen.“

Über 400 Apfelbäume einmal quer durchs Amt Neuhaus: Drei Tage lang ist Pomologe Jan Bade gemeinsam mit Hermann Stolberg und Olaf Anderßon vom Lüneburger Streuobstwiesenverein und Sabine Wittkopf in Privatgärten und auf Obstwiesen unterwegs, um alte Apfel- und Birnensorten zu bestimmen und kartieren. „Die weltweite Apfelproduktion basiert auf ganz wenigen Sorten, die immer weiter überzüchtet werden, damit sie möglichst hohe Erträge bringen. Krankheiten oder auch klimatische Veränderungen können dazu führen, dass diese wenigen Sorten bald nicht mehr zur Verfügung stehen. Deshalb ist es um so wichtiger, den genetischen Pool unserer alten Obstsorten zu kennen und zu erhalten“, erläutert Jan Bade - einer der wenigen hauptberuflichen „Obstkundler“ in Deutschland - seine Arbeit, zu der natürlich auch die Freude an der Jagd nach Raritäten und Kuriosem gehört. So findet sich bei der Kartierung in einem Garten in der Lüneburger Straße ein über fünfzig Jahre alter Apfelbaum, der mehrere Sorten auf einmal trägt. Eine dieser Sorten gehört ursprünglich nach England, dort wird der „Bramley's Seedling“ speziell zum Backen von Apfelkuchen angebaut.

Über 500 Apfel- und Birnensorten hat Jan Bade auf Anhieb parat, alles was nicht sofort bestimmbar ist, wird für spätere Nachforschungen sorgfältig in Tüten verpackt und mitgenommen. „Das genaue Bestimmen von Obstsorten kann man eigentlich nur erlernen, wenn man das Glück hatte, Menschen über die Schultern schauen zu können, die diese Kunst beherrschen“, erzählt Jan Bade, der auch Spezialist für historische Birnensorten ist. Die alten „Ziepenbeern“-Bäume in Dellien haben deshalb sein besonderes Interesse geweckt, handelt es sich hierbei um eine Wildbirne oder doch um eine spezielle regionale Züchtung?

In den Gesprächen mit den Gartenbesitzern tauscht Jan Bade angeregt Tipps für den Obstbaumschnitt, gegen Schädlingsbefall und für die Pflege der Bäume aus. Heini Ruhnau empfiehlt gegen Wühlmäuse, in die Gänge vergorene Holunderbrühe zu gießen. „Das stinkt vielleicht, das mögen diese Biester gar nicht“, lacht Heini Ruhnau zufrieden. Ein Ratschlag, den Jan Bade noch nicht kannte und den er auf seinen eigenen Streuobstwiesen ausprobieren möchte. Im Garten von Kathleen Klimke warten schon die nächsten Obstbäume auf ihre Bestimmung. Mit dabei ein prächtiger Apfelbaum mit satt-gelben und in der Morgensonne halbseitig rot glänzenden Früchten. „Das ist einer meiner Lieblingsäpfel, eine Biesterfelder Renette“, klärt der Pomologe auf und macht bei dem saftig-süßen Apfel auch gerne mal den Geschmackstest.

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