Boizenburg: Debatte um Schulsozialarbeit : Der Bedarf steigt

Elke Plorin nimmt die Herausforderung an: Seit Januar dieses Jahres ist die Schulsozialarbeiterin des IB an beiden Grundschulen in Boizenburg unterwegs, um für 400 Kinder, die Lehrer und Eltern da zu sein. Foto: nien
Elke Plorin nimmt die Herausforderung an: Seit Januar dieses Jahres ist die Schulsozialarbeiterin des IB an beiden Grundschulen in Boizenburg unterwegs, um für 400 Kinder, die Lehrer und Eltern da zu sein. Foto: nien

Immer mehr Schulen im Landkreis Ludwigslust-Parchim beantragen einen Sozialarbeiter. Doch weil das Geld knapp ist, müssen die Ämter entscheiden, wo der Bedarf besonders groß ist und ein Sozialarbeiter sinnvoll.

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24. Mai 2013, 07:39 Uhr

Boizenburg | Kinder schreien nach Hilfe, ticken aus, geben Signale. Unberechenbare Situationen, die zugenommen haben an Boizenburger Grundschulen. Und weiter zunehmen werden. "Familie ist nicht mehr das, was sie mal war", sagt Harald Jäschke. Mit psychischen Folgen für die Kleinsten der Gesellschaft. Der Bürgermeister von Boizenburg finanziert deshalb auch eine Schulsozialarbeiterin für seine beiden Grundschulen "An den Eichen" und "Ludwig Reinhard". "Eine Vorreiterrolle", wie Michael Hallmann, Geschäftsführer des Internationalen Bundes Südwestmecklenburg (IB), sagt. Und die Zahlen vom Jugendamt bestätigen: Nur zehn der 47 Grundschulen im Landkreis Ludwigslust-Parchim haben einen Schulsozialarbeiter. Mitunter müssen sie sich ihn noch teilen, wie etwa in Boizenburg.

Der Bedarf ist allerdings größer. "Jede Schule möchte einen Schulsozialarbeiter", bestätigt Britta Gnadke vom Fachdienst Jugend des Landkreises auf Nachfrage. 87 gibt es im Kreis. An 54 von ihnen sind 47 Extra-Pädagogen im Einsatz. Vorrangig an Regionalen Schulen. "Wir schauen, wo ist großer Bedarf", erklärt Britta Gnadke das Vergabe-Verfahren angesichts des begrenzten Jahresbudgets an ESF-Fördermitteln. Anzahl der Schüler, Migrationshintergründe, Auffälligkeiten wie ADHS oder Ernährungsstörungen - Probleme, die einen Schulsozialarbeiter begründen würden.

Von Jahr zu Jahr steigen laut Britta Gnadke die Anfragen. Seit 3 bis 4 Jahren auch von Grundschulen. "Je früher wir eingreifen, desto besser", sagt sie. Denn viele kommen schon "mit Auffälligkeiten aus den Kitas", bestätigt Roswitha Anderson, Leiterin der Reinhard-Schule. Deshalb sei es wichtig, schon bei den Kleinsten eine neutrale Vertrauensperson vor Ort zu haben. Genauso sieht es ihre Kollegin von der Eichenschule, Angela Hartmann. Es sei gut, wenn das Kind nach einem Aussetzer raus kann aus dem Unterricht, in einen neutralen Raum, zu einer neutralen Person, die das Kind wieder runterholen kann.

Scheidung, Umzug, Süchte der Eltern - alles Lasten auf den Schultern der Kinder. Und der Lehrer. "Wir können nicht mehr alles schaffen", sagt Roswitha Anderson, auch in Bezug auf die LRS- und DFK-Klassen, und später die angestrebte Inklusion. Deshalb auch der Ruf nach Hilfe vor drei Jahren. Der Landkreis gewährte sie. Seitdem unterstützt er die Stelle eines Schulsozialarbeiters mit zehn Stunden. Die Stadt zahlt die restlichen 30. Freiwillig.

Allerdings nur eine Stelle für zwei Einrichtungen. Seit Januar dieses Jahres kümmert sich Elke Plorin aus Rodenwalde um die 400 Kinder der beiden Boizenburger Grundschulen. Die 25-jährige Erzieherin ist beim IB angestellt und zwei Tage pro Woche an der Eichen-, drei Tage an der Reinhard-Schule. Mit einigen Kindern hat sie feste Termine. Ihre Schwerpunkte: Probleme der Schüler ergründen, mit Eltern und Lehrern sprechen, präventive Projekte einbringen. Das Wichtigste aber: Einfach da sein, sagt Elke Plorin. Und "man merkt schnell, dass es den Kindern gut tut, wenn ihnen jemand zuhört."

Eine Entlastung für die Lehrer. Doch sie wünschen sich, dass jede Schule einen fest im Team integrierten Sozialarbeiter bekommt. Denn "die Herausforderungen werden noch größer", sagt Leiterin Roswitha Anderson. Bürgermeister Harald Jäschke fordert deshalb auch das Land auf, dass diese "Nischenpädagogik" endlich überall fest eingeführt wird. "Es sollte sich dieser Aufgabe annehmen." Und auch Michael Hallmann vom IB sagt, dass der Bereich "raus muss aus der Förderpolitik". Solange Schulsozialarbeit auf Freiwilligkeit beruhe, "werden wir das Sorgenkind nicht los".

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