Kaarßen : Das Tor im Grenzzaun umgeblasen

Die Musiker der Blaskapelle standen ganz dicht vorne am Grenzzaun.  Fotos: Friedrich Schultz
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Die Musiker der Blaskapelle standen ganz dicht vorne am Grenzzaun. Fotos: Friedrich Schultz

Blaskapelle Kaarßen spielte an drei Tagen im November vor 25 Jahren unmittelbar am Zaun, bis sich das Tor endlich öffnete

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03. November 2014, 14:05 Uhr

„Als wir dann am Sonntag um die Mittagszeit mitten auf der Elbe auf der ,Drawehn‘ kurz vor Hitzacker waren, da konnten wir nicht mehr spielen. Und zwar nicht, weil wir physisch nicht mehr konnten, sondern weil uns die Emotionen übermannt hatten. Das Grenztor war geöffnet worden, wir gingen auf das Fahrgastschiff und fuhren über die Elbe in Richtung Westen- die Gefühle, die da hochkamen, waren einfach unbeschreiblich.“

Werner Meier von der Blaskapelle Kaarßen erinnert sich genau an den 19. November, als dann endlich auch direkt an der Elbe in Herrenhof das Grenztor geöffnet wurde. Und er ist auch heute noch, fast 25 Jahre nach diesem historischen Ereignis, tief bewegt .


An drei Tagen unermüdlich gespielt


„Die Blaskapelle Kaarßen hat ihren Beitrag zur Grenztoröffnung geleistet“, meint in aller Bescheidenheit auch Friedrich Schultz aus Kaarßen. Denn die Geschichte beginnt schon zwei Tage vorher, am 17. November, einem Freitag. „Unser Bassist, Adolf Schwarz, rief in der Mittagszeit an, er habe in Radio Niedersachsen gehört, dass von Hitzacker aus ein Schiff zu uns rüberkommen würde. Der Zaun werde geöffnet und und die Leute könnten rüber fahren.“ Man sei sich sofort einig gewesen, dort müsse man mit der Blaskapelle hin und spielen. „Etwa hundert Leute hatten sich am Grenzzaun versammelt, wir haben gespielt, bis es dunkel war und wir nichts mehr sehen konnten. Es war bitter kalt und auch nass und die ,Drawehn‘ kreuzte vor Herrenhof hin und her und durfte nicht anlegen. Wir sind dann nach Hause, haben uns aber gleich für den nächsten Tag verabredet, wieder ans Tor zu fahren und wieder dort zu spielen“, so Friedrich Schultz.

Gleich am frühen Nachmittag sei man am 18. November wieder hin. Inzwischen hatte sich schon rumgesprochen, dass vielleicht das Grenztor geöffnet werden würde und am zweiten Tag waren schon viel mehr Menschen dort und warteten, dass sich was tut. Wieder kreuzte die ,Drawehn‘ hin und her, wieder spielten die Musiker der Blaskapelle, bis es dunkel wurde und man nichts mehr sehen konnte, wieder war es bitterkalt.

„Am Sonntag dann, es war der 19. November, sind wir schon gegen 9 Uhr dort gewesen. Es waren noch mehr Leute gekommen. Wir haben uns auf unsere Musik konzentriert. Auch auf der anderen Elbseite standen die Menschen und haben uns gehört und wir wollten natürlich auch gehört werden.


Menschen gingen einzeln durch das Tor


Es gab immer wieder Leute in der Menge die sagten, geht nach Hause, hier passiert heute nichts mehr. Aber dann wurde gegen halb eins das Tor einen Spalt breit aufgemacht und wir durften einzeln durch. Wir Musiker der Blaskapelle waren die ersten auf dem Schiff und wir haben immer noch geblasen, bis es kurz vor Hitzacker nicht mehr ging“, erinnert sich Werner Meier.

Friedrich Schultz war an dem Sonntag einer Einladung eines Freundes nach Dannenberg gefolgt, hatte seine Trompete aber mitgenommen. Nach dem Mittagessen hielt er es nicht mehr aus, man fuhr nach Hitzacker und gerade war die erste Tour mit etwa 200 Menschen an Bord auf der Westseite angekommen.

Der Empfang in Hitzacker sei herzlich gewesen, den ganzen Tag fuhr das Schiff hin und her, abends ging es dann mit der ,Drawehn‘ wieder zurück auf die heimische Seite der Elbe.

An dieses großartige Ereignisses soll erinnert werden. Am Mittwoch, dem 19. November, stehen die Musiker der Blaskapelle Kaarßen auf dem Deich in Herrenhof und spielen mit Seele und Inbrunst wie vor 25 Jahren, nur dass dann keiner mehr vor einem Grenzzaun steht.

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