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Boizenburg : „Danke, dass wir hier sein dürfen“

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Junge syrische Flüchtlinge zeigten beeindruckende Fotos aus ihrer Heimat/Trotz des Traumwetters kamen über 100 Zuschauer ins Kino

Mit so einem Andrang hatte bei dem schönen Wetter wohl niemand gerechnet. Etwa 115 Zuschauer hatten den Weg an diesem sonnigen Sonntagabend ins Boizenburger Kino gefunden, um sich die Fotos junger syrischer Flüchtlinge auf großer Leinwand anzusehen und ihre Geschichten zu hören. Die Besucher kamen aus Boizenburg und Umgebung und waren zum großen Teil durch die Ankündigung in der SVZ auf die Fotoschau aufmerksam geworden.

Obwohl die Aufregung groß war auf Seiten der neun jungen Männer, die sich auf die Bühne trauten und vor so großem Publikum ihre Präsentationen hielten, lief die ganze Veranstaltung sehr professionell ab. Unter der Anleitung von Mediendesignerin Cenci Göpel und weiteren Mitgliedern der Boizenburger Willkommen-Initiative hatte sich die jungen Syrer einen Monat lang auf den Abend vorbereitet. Die große Herausforderung für die jugendlichen Flüchtlinge, die derzeit in Boizenburg, Hagenow und Karrentin wohnen, war die Präsentation auf Deutsch, einer Sprache, die sie erst seit sechs Monaten lernen. Sie meisterten sie mit Bravour.

Alferock beschrieb seinen Heimatort im Süden Syriens und wie die Jungen im Sommer im Euphrat baden gehen. Saeed erklärte den Fastenmonat Ramadan. „Egal ob Muslime oder Christen, wir sind alle Brüder in Menschlichkeit“, lautete seine Botschaft zu Beginn des Vortrags.

Shaouki erzählte mit Hilfe der Fotos von leckeren syrischen Gerichten, so dass rundum allen das Wasser im Munde zusammen lief.

Dia zeigte einen wie aus dem Märchen von 1001 Nacht wirkenden Sessel, in dem sein Großvater jeden Tag Kaffee trinkt und der über und über mit wertvollen Intarsien belegt ist.

Majid berichtete vom Leben seines Vaters als Baumwollbauer, davon, dass die syrische Vorkriegsproduktion von 600  000 Tonnen jährlich inzwischen auf 3  000 gesunken ist und die relativ junge Ölförderung Syriens mittlerweile vollkommen in den Händen des IS und der Kurden liegt. „Ich wünsche mir, dass der Krieg bald zu Ende ist und wir dann alle zusammen nach Quamschli fahren können“, beendete er seine Präsentation.

Wehmut über das durch den Krieg in ihrer Heimat Verlorene war bei allen Vorträgen zu spüren, bei manchen aber besonders. So wie bei den Beschreibungen Ismails von den durch die Kämpfe zerstörten Kulturgütern Syriens mit dem Titel „Was man als Tourist in Syrien erleben kann.“ Wobei klar wurde, dass man hier in der Vergangenheitsform reden muss. Die Vorher -/Nachherbilder aus dem teilweise zerstörten Damaskus, die mit 6000 Jahren Besiedlung als älteste Stadt der Welt gilt, vom zerstörten Simeonskloster aus dem fünften Jahrhundert oder von der dem Erdboden gleich gemachten antiken Stadt Palmyra taten weh.

Totenstill wurde es im Saal, als die beiden Mohamads Fotos der Ruinenstädte Homs und Aleppo zeigten. Darunter das nur zehn Tage alte Bild einer Straße, durch die sich auf der gesamten Länge eine Lache aus Blut und Wasser zieht und das Video einer Überwachungskamera, das die Explosion eines Krankenhauses in Aleppo aufgezeichnet hat. Dabei kam neben anderen der letzte Kinderarzt Aleppos ums Leben.

Zum Abschluss sagte der Sprecher der Gruppe: „Wir danken euch, dass ihr uns zugehört habt. Aber vor allem danken wir euch dafür, dass ihr uns aufgenommen habt und dass wie hier sein dürfen.“

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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erstellt am 10.Mai.2016 | 12:00 Uhr

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