Nostorf : Chance des Augenblickes genutzt

Erich Budzinski zeigt alte Fotos..
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Erich Budzinski zeigt alte Fotos..

Emil Budinsky flieht im Juni 1969 durch ein offenes Rohr bei Nostorf in den Westen

svz.de von
02. November 2014, 08:55 Uhr

Es ist mild an jenem Abend im Juni 1969. Emil Budinsky ist zu dieser Zeit unterwegs in einem Wald bei Nostorf. Der damals 28-Jährige sucht einen Entwässerungsgraben, bei dem sich ein etwa 80 Zentimeter breites, nicht verschlossenes Rohr befindet.“Plötzlich treffe ich im Wald einen anderen Mann und werde angesprochen, warum ich denn so spät noch unterwegs bin“, schildert Budinsky die Begegnung. Doch Budinsky murmelt nur etwas und geht weiter. Auch der andere Mann setzt seinen Weg fort. Nichts geschieht, nur die Geräusche des Waldes sind zu vernehmen.
Nach einiger Zeit findet Budinsky endlich das Rohr, „klettert“ hinein, bewegt sich geduckt hindurch und kommt schließlich auf westdeutschem Gebiet, in der BRD, wieder an die Luft. Nervenaufreibende Stunden waren das für Budinsky an jenem Abend.
Emil Budinsky lebt jetzt in Geißlingen, in Baden-Württemberg, ist seit vielen Jahren Rentner und kümmert sich liebevoll um eine Bekannte. Der heute 73-Jährige kam nach dem Krieg nach Grevesmühlen. Seine Mutter starb kurz nach seiner Geburt, sein Vater kümmerte sich nur halbherzig um ihn. Schließlich kommt der kleine Emil ins Kinderheim in Grevesmühlen. Von dort musste er ins Kinderheim in Boltenhagen, von dort nach Rehna, Groß Labenz und schließlich nach Lehsen. Zur Schule geht er in Dodow, lernt in Waschow Traktorist bei der MTS.
Damals, diese Flucht, dass sei eine Kurzschlussreaktion gewesen, blickt er zurück. Budinsky war damals schon länger unzufrieden mit seiner persönlichen Situation, besonders in dem politischen System habe er sich nicht frei gefühlt. Er war damals im Hagenower Meli-Bau beschäftigt, musste in dieser Zeit des Öfteren im Sperrgebiet bei Nostorf arbeiten. Die dort Tätigen erhielten sogar einen Passierschein. „Eines Tages mussten wir dann zum Grenzort Horst.“ In dieser Gegend sind einige Jahre nach der Grenzerrichtung genügend Polizisten vor Ort – allein drei Beamte beobachteten die Meliorationsarbeiter ständig bei ihrer Tätigkeit. Nur in der Mittagspause ist das Klima ein wenig lockerer, kann sich Budinsky seine Beine bei einem Spaziergang an einem Bach vertreten. „Der Bachlauf führte direkt zu einem Stacheldraht.“ Hier habe er sich angeschaut, wie Arbeiter ein Grenzrohr gebaut haben. Dabei entdeckt er eben jenen Durchlass mit einem Durchmesser von etwa 80 Zentimeter. Und plötzlich kommt ihm der Gedanke, hier seinen Weg in die Freiheit zu finden. Doch er dreht gleich wieder um, macht sich an seine Arbeit. Dabei überlegt er fieberhaft, wie er durch das Rohr fliehen könnte. Nach der Arbeit wartet er so lange bis er mit seinem Kollegen alleine ist. Budinsky vertraut sich seinem Kollegen an. Am nächsten Tag kommt er mit seinem Motorrad zur Arbeit und absolviert die Anforderungen wie auch an den anderen Tagen. Am Abend macht er sich auf den Weg zu eben jenem Rohr. Dass er gerade erst seit einigen Monaten verheiratet war, hinderte ihn nicht daran, aus der DDR zu flüchten. Er sei nicht glücklich in der Ehe gewesen, so Budinsky. „Als ich den Durchlass sah, war mir alles egal.“ Als er im Rohr durch gekrabbelt war, gelangt in der „BRD“ wieder an die Oberfläche. Von dort geht er zum westdeutschen Grenzoll Lauenburg. Von dort gelangt er nach Lübeck, wird erst einmal eingekleidet. Schließlich gelangt er nach Gießen ins Aufnahmelager. Emil Budinsky hat zwei Halbbrüder in Baden-Württemberg, nimmt Kontakt zu ihnen auf und zieht zu ihnen. Er findet auch schnell einen Job, wechselt jedoch nach einem Jahr nach Geißlingen und wird dort Fahrer eines Betonmischers. In diesen ersten Monaten nach der Flucht hat er immer noch Briefkontakt zu seiner Ehefrau. Schließlich stellt sie ihm ein Ultimatum: Entweder er kommt zurück oder sie lässt sich scheiden. Emil Budinsky entscheidet sich für seine Freiheit, bleibt in der BRD. Auch zu Aussprachen zu seiner Flucht mit den entsprechenden westdeutschen Behörden wurde Budinsky geladen. Die jeweiligen Personen hätten ihm Bilder vorgelegt, auf denen u.a. Waffen zu sehen waren. Budinsky zeigte dann auf die Schießgeräte, die er kannte.
Mit dem Helsinki-Abkommen schöfft Budinsky wieder Hoffnung, bittet beim Bundesinnenministerium in Bonn um einen Auswärtsbesuch. „Die haben gesagt, ich könne fahren, aber sie können für nichts garantieren“, so die bezeichnende Antwort.
Nach der politischen Wende besucht er seine Heimat wieder, trifft auch seinen nun erwachsenen Sohn. Eine Beziehung konnten die beiden aber nicht mehr zueinander aufbauen. Dennoch kommt der rüstige Senior seit Anfang der Neunziger einmal im Jahr in seine alte Heimat, besucht einige wenige Bekannte. Wenn man Emil Budinsky heute fragt, ob er damals etwas anders gemacht hätte, verneint er.


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