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Hagenower Kreisblatt

24. September 2017 | 03:33 Uhr

Boizenburg : Besuch aus Nürnberg

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Die beiden letzten deutschen Schellenfabrikanten besuchten ihren Kindheitsort

svz.de von
erstellt am 01.Jul.2017 | 08:00 Uhr

Ungewöhnlicher Besuch stand dieser Tage in der SVZ-Redaktion. Die beiden Brüder Johann (79) und Rudolf (77) Huck aus Nürnberg waren zu Gast in der Elbestadt. Im Haus unserer Zeitungsredaktion am Markt 14 haben die beiden von 1942 bis 1945 bei ihrer Oma Käthe Janisch gelebt. „In Nürnberg war es wegen der Bombenangriffe zu gefährlich“, erzählte Rudolf Huck. „Also hat unsere Mutter Rosemarie uns zu ihrer Mutter nach Boizenburg gebracht.“ Die Eltern Rosemarie und Wilhelm führten währenddessen die Schellenfabrik in Nürnberg weiter, die bereits seit 1858 existiert. „Unser Vater musste nicht in den Krieg, weil seine Fabrik kleine Metallteile für die Rüstung produzierte“, erinnerte sich Johann. Drei Jahre lang sahen die Brüder ihre Eltern nicht, bis sie im Herbst 1945 von ihrer Mutter abgeholt wurden und auf abenteuerliche Weise in Richtung Westen flohen, bevor die russischen Truppen nach dem Gebietsaustausch mit den Amerikanern die Elbestadt besetzten.

„Das war hart dann für uns in Nürnberg“, weiß Rudolf Huck noch. „Wir sprachen und verstanden ja nur Mecklenburger Platt.“ Großmutter Käthe Janisch hatte mit ihren beiden Enkeln nur Plattdeutsch gesprochen. Doch bald hatten sich die Brüder auch in Nürnberg wieder eingelebt. „1946 starb unser Vater. Unsere Mutter heiratete 1951 den Maschinenbauingenieur Rupert Hösslinger. Der hat unseren Betrieb modernisiert.“ Heute ist der Familienbetrieb mit 16 Mitarbeitern die letzte Schellenfabrik in ganz Deutschland. Im Mittelalter war Nürnberg genauso berühmt für die Herstellung von Schellen wie für die von Lebkuchen. „Wir haben die ersten Glöckchen für die LindtHasen hergestellt“, kann Rudolf Huck berichten. Heute kämen diese allerdings aus China. Doch die Riegelein-Osterhasen tragen immer noch Glöckchen der Hucks um den Hasenhals. „Bei vielem Holzspielzeug sind die Glöckchen auch von uns“, so Maschinenbauingenieur Rudolf. „Wir haben ein Zertifikat dafür“, ergänzt Johann Huck, der gelernte Kaufmann. Seit 50 Jahren produziert die Firma auch kleine Metallteile, Rollen und Schmiernippel für Industriemaschinen.

In Boizenburg waren beide erst wieder nach der Wende, Johann 1990, Rudolf Mitte der Neunziger. „Wenn wir hier oben sind, machen wir immer einen Schlenker hierher.“ Denn die mütterlichen Wurzeln haben den Brüdern zu Grundbesitz in der Fliesenstadt verholfen. Großmutter Käthe war eine geborene Scherer und gehörte damit zu einer alteingesessenen Boizenburger Kaufmannsfamilie.

Aus ihrer Boizenburger Kindheit erinnern sich Rudolf und Johann vor allem noch an die Seilerei in der Klingbergstraße und an die einzige Bombe, die im Krieg östlich vom Rathaus auf Boizenburg fiel.

In diesem Jahr werden sie übrigens die Geschäftsführung ihrer Glocken- und Metallwarenfabrik an ihre beiden Söhne übergeben.

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