Besitz : Bedrohte Bullen in Besitz behütet

Das Deutsche Shorthorn weidet auch auf den Flächen der Firma MAM Besitz.
Das Deutsche Shorthorn weidet auch auf den Flächen der Firma MAM Besitz.

Landwirtschaftsbetrieb ließ Milchfluss versiegen und züchtet dafür das Shorthorn-Rind von der Roten Liste

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13. Dezember 2019, 17:22 Uhr

In Besitz stellte ein landwirtschaftlicher Betrieb die Weichen für seine ökologische und ökonomische Zukunft. Das erforderte zum Teil drastische Maßnahmen, die das Team vor eine neue Situation stellte. So trennte sich die ortsansässige MAM von der Milchproduktion, die jahrzehntelang das Bild der Gemeinde ebenso prägte wie etwa die markante Kirche im Ortsteil Blücher. Um die entstandene Lücke zu schließen, züchten die Besitzer in ihrer Existenz bedrohte Bullen, Mutterkühe und deren Kälber. Dabei handelt es sich mit dem Deutschen Shorthorn um eine Rinderrasse von der Roten Liste.

Der Abschied von den Milchkühen sei, so MAM-Geschäftsführer Toralf Pfohl, alles andere als leicht, aber auch unumgänglich gewesen. Er kennt nicht nur die unverständlichen Blicke, mit denen einige in der Region auf diese Entscheidung reagierten, sondern auch die Zahlen, und die machten diesen Bereich zunehmend unrentabler. 40 Cent für den Liter Milch nannte er einen fairen Preis. Für eine schwarze Null bei Tierunterhaltung. Lohn für die Mitarbeiter und Investitionsrücklagen hätten es wenigstens 37 sein müssen. „Doch davon waren wir mit durchschnittlich 31 bis maximal 33 weit entfernt“, erklärt er. Die Verluste glichen ein Plus in der Pflanzenproduktion und noch vorhandene Reserven aus. In absehbarer Zeit wäre es hier aber an die finanzielle Substanz gegangen, was den gesamten Betrieb gefährdet hätte. Zudem standen notwendige Investitionen etwa in die Melkanlage – nebst 20 Jahre alter Technik – und für einen Stallneubau an. „Wir hätten insgesamt rund eine Million Euro in die Hand nehmen müssen, ohne sicher zu wissen, wie diese Summe sich refinanzieren soll. Das kann und will in der Marktwirtschaft wohl niemand ernsthaft verantworten“, meint der Landwirt.

Als Konsequenz verließen 250 Milchkühe (mit Nachzucht) mit einer Milchleistung von bis zu 8000 Litern im Jahr in „S“-Qualität Deutschland. Für einen anständigen Preis, so der Geschäftsführer, gingen sie nach Holland, in die Ukraine und nach Russland. Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend registrierte er, dass nun tatsächlich ein Drittel des Umsatzes und die Hälfte der Belegschaft unwiderruflich der Vergangenheit angehörten. Zum Glück fanden vier der Männer in der Umgebung schnell einen neuen Job, und der Fünfte hatte das Alter für die Rente erreicht.

Bereits seit 2006 hielt die MAM zwei Mutterkuhherden, um ihre Grünlandflächen voll auszunutzen. „Weil sich die Rotbunte für uns als zu pflegeintensiv erwies, ist das genügsame Deutsche Shorthorn geblieben“, erklärt Toralf Pfohl. Die Vermarktung des Fleisches läuft.

200 Köpfe zählt der aktuelle Bestand, der sich auf 300 erhöhen soll. Das Bio-Siegel ist ein Ziel der MAM, das nach zweijähriger Arbeit nach strengen Auflagen vergeben werden kann. „In eineinhalb Jahren sollte das bei uns soweit sein“, schaut Toralf Pfohl voraus. Das Futter der seltenen Hausrinder wächst auf 500 Hektar Wiesen und Weiden, welche die ins Leben gerufene Tochter Grünland GmbH Besitz extensiv bewirtschaftet. Sie verzichtet hier also völlig auf Pflanzenschutzmittel und Dünger. „Somit haben wir mit Mutterkuhhaltung plus Mast einen Teil unseres Betriebes auf biologische Wirtschaftsweise umgestellt“, sagt Toralf Pfohl. Die „restlichen“ 750 Hektar bearbeiten die verbliebenen fünf MAM-Mitstreiter weiterhin konventionell. Toralf Pfohl ist davon überzeugt, dass ohne Phosphor und Nitrat auf den Äckern die Bevölkerung nicht ernährt werden kann. „Indes achten wir sehr darauf“, so betont er deutlich, „dass dies weitestgehend im Einklang mit der Natur erfolgt“. Bei dem weitverzweigten Grabensystem an den Feldern garantieren nun schon seit Jahren zehn Meter breite Grünstreifen, dass keine Chemie das Wasser belastet.

Vorhandene Fördermöglichkeiten werden genutzt. Toralf Pfohl nennt da als Beispiel, die Stilllegung von Flächen mit Bodenwerten unter 20 (das sind etwa zehn Prozent der Felder) sowie die Weidenhaltung und das Fünf-Kulturen-Programm, die bezuschusst würden. Im Anbau sind Leguminosen, Mais, Getreide und Raps.

Von der Agrarpolitik würde er sich wünschen, dass von dieser bei aller Umweltliebe nicht immer wieder nur neue Verordnungen kommen, sondern die Landwirte endlich von dort mehr Wertschätzung für ihre Arbeit erfahren.




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