Selbsthilfegruppe Sückau : „Barrierefreiheit in den Köpfen“

Bernhard Heitz und Ilse Koch nahmen an der Jubiläumsfeier der BAG Selbsthilfe teil. Hier mit BAG Geschäftsführer Martin Danner (rechts)
Bernhard Heitz und Ilse Koch nahmen an der Jubiläumsfeier der BAG Selbsthilfe teil. Hier mit BAG Geschäftsführer Martin Danner (rechts)

Bundespräsident würdigt Engagement von Selbsthilfegruppen wie „Phoenix Deutschland – Hilfe für Brandverletzte e.V.“ in Sückau.

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09. Dezember 2017, 08:00 Uhr

„Inklusion ist gelebte Demokratie. Es verträgt sich nicht mit unserer Demokratie, wenn Menschen ausgeschlossen werden. Es widerspricht unserer Vorstellung von einer offenen Gesellschaft, wenn Menschen im Alltag auf Hürden stoßen, die sie daran hindern, am öffentlichen Leben teilzunehmen.“ Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte in seiner Festrede anlässlich des 50-jährigen Bestehens der BAG, dem Dachverband der Selbsthilfegruppen für Menschen mit Behinderung und chronisch Kranke, das herausragende Engagement der Mitglieder. „Selbsthilfegruppen sind Keimzellen der Demokratie. Hier entstehen Impulse, bestehende Strukturen, die vielleicht verknöchert sind, umzugestalten und für gemeinsame Rechte zu kämpfen“, betont Steinmeier. Beeindruckt zeigte sich Ilse Koch von der Rede des Bundespräsidenten, gemeinsam mit Bernhard Heitz, Gründungs- und Ehrenmitglied von „Phoenix Deutschland – Hilfe für Brandverletzte e.V.“ war sie als Vereinsvorsitzende nach Berlin gefahren, um beim Jubiläum der BAG dabei zu sein. „Das tut sehr gut, mal von öffentlicher Seite so gelobt zu werden“, bestätigt Ilse Koch, „Der Selbsthilfe, die wir leisten, wurde ein wirklich hoher gesellschaftlicher Wert durch Herrn Steinmeier zugemessen.“

In der Ansprache des Bundespräsidenten ist die Rede von Inklusion, also einer gleichberechtigten Teilhabe aller am Leben, und Barrierefreiheit. Aus eigener Erfahrung weiß Ilse Koch ganz genau, welche Formen von Inklusion für Brandverletzte im Alltag wichtig sind: „Das ist ein schwieriges Thema, da Brandverletzungen kaum mit anderen Einschränkungen zu vergleichen sind. Wir brauchen vor allem eine Barrierefreiheit in den Köpfen unserer Mitmenschen, denn wir wollen, dass sie uns ganz normal entgegentreten, auch wenn es Narben und Entstellungen gibt.“ Viele Brandverletzte gingen nicht vor die Tür und ziehen sich aus dem öffentlichen Leben zurück aus Scham und Angst. Deshalb sei es umso wichtiger, dass ihr Verein in die Öffentlichkeit geht: „Mein guter Freund Bernhard Heitz war gerade in der Talkshow bei Markus Lanz.“

Bernhard Heitz hat vor zwanzig Jahren einen Flugzeugabsturz mit 85 % Hautverbrennungen knapp überlebt. Sachlich und zugleich sehr eindringlich berichtete er im Fernsehen über den beinahe tödlichen Absturz und sein vollkommen verändertes Leben danach. „Das hat er sehr gut gemacht“, freut sich Ilse Koch. Am schlimmsten sei die Wut nach einem Brandunfall, erinnert sich Ilse Koch an ihre eigene Situation: „Der Kopf ist klar und man möchte, aber der Körper macht nicht mit. Und es gibt dazu ganz praktische Probleme: Man verbringt so lange Zeit im Krankenhaus, dass das normale Leben weg ist. Die Außenwelt ist hart: Keine Wohnung mehr oder auch keine Arbeit mehr, ist nicht selten. Das sind Situationen, in denen unser Verein schon frühzeitig helfen kann. Anträge stellen, beraten und auch die Angehörigen unterstützen. Zusätzlich haben es Brandverletzte besonders schwer mit den Krankenkassen. Ein Umstand, der nicht zu tolerieren ist.“ Hilfe finden Brandverletzte nicht nur im direkten Gespräch mit den Mitgliedern von „Phoenix Deutschland“, sondern auch über das Internet. „Seit das Internet so stark im Mittelpunkt steht, rufen nicht mehr so viele Betroffene bei uns an“, erklärt Ilse Koch, „Aber an den Besucherzahlen unseres Internet-auftritts können wir ablesen, dass die Seite sehr viel Zuspruch hat. In dieser Form kann man sich anonym informieren und dann hoffentlich Kontakt mit uns aufnehmen, damit wir helfen können.“

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