Vogelkundler aus Lübtheen wanrt : Bald stummen Frühling befürchtet

Da Hecken und Knicks zunehmend in der Landschaft fehlen, hat auch der Wind leichtes Spiel mit dem wertvollen Ackerboden. Er trägt ihn einfach ungebremst fort.  Fotos: Thorsten Meier/Helmut Eggers/Archiv
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Da Hecken und Knicks zunehmend in der Landschaft fehlen, hat auch der Wind leichtes Spiel mit dem wertvollen Ackerboden. Er trägt ihn einfach ungebremst fort. Fotos: Thorsten Meier/Helmut Eggers/Archiv

Vogelkundler Helmut Eggers aus Lübtheen beklagt zunehmenden Heckenschwund und den Verlust von Nachtigall, Feldlerche und Co.

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03. Mai 2017, 12:00 Uhr

Es ist Frühling und die Menschen treibt es in die Natur. Aber von der Landschaft, die Deutschland mal als kleinteiliges Archiv der Natur so einzigartig machte, ist kaum noch etwas übrig. In die Klage um den Ruin der einstigen Nischen, windausbremsenden Hecken, blühenden Randstreifen, grünen Inseln, Böschungen und Knicks reiht sich als Mahner Helmut Eggers ein. Der 63-Jährige findet es geradezu „abstoßend und unwürdig“, was sich ihm vor der Haustür seit Jahren schon präsentiert. Die Verstümmelung der Natur habe für ihn bereits mit der Großflächenwirtschaft der DDR begonnen, der billigend die wichtigen Schutz- und Lebensräume vieler gefiederter Sänger zum Opfer gefallen seien. Aber auch heute werde so weitergemacht, als gäbe es kein Morgen.

„Die Heckenlandschaft rund um Lübtheen war in früherer Zeit geradezu ein Eldorado für Nachtigallen, die jetzt allmählich wieder zu hören sind. Am Brömsenberger Weg, dem Landweg zwischen Lübtheen und Brömsenberg, konnte man durchaus dem Gesang von zehn Meistersängern - den Nachtigallen - lauschen. Bei einer Erfassung 1975 wurden auf einer Fläche im Bereich des heutigen Klärwerkes noch 28 singende Männchen gezählt. Heute sind es höchstens noch fünf“, erklärt der gebürtige Lübtheener, der auch Leiter der Fachgruppe Ornithologie und Vogelschutz Ludwigslust ist. Der Grund für das einst gehäufte Auftreten dieser Art seien die strukturreichen Wallhecken mit einer dichten Strauchschicht und einzelnen Bäumen als bevorzugter Lebensraum gewesen. „Nun haben die Bauern in früherer Zeit diese Hecken nicht gepflanzt und gepflegt, weil sie so gerne Nachtigallen hören wollten. Nein, es waren Feldschutzhecken, und wie der Name sagt, sollten sie die Felder schützen. Gerade bei den leichten Böden der Griesen Gegend war dies eine unbedingte Notwendigkeit. Insbesondere der Schutz vor der Winderosion war eine wesentliche Aufgabe dieser Landschaftselemente“, betont Eggers weiter im SVZ-Gespräch. Es gäbe auch Untersuchungen, dass intakte Hecken die Fruchtbarkeit der Felder merklich positiv beeinflussten. Doch wie sähen diese Schutzhecken heute aus? Vielfach seien sie durch große Meliorationsmaßnahmen verschwunden. Diejenigen, die diese Zeit überstanden hätten, seien in vielen Fällen zu einfachen Baumreihen verkommen. Von Feldschutzhecken könne man nur noch selten sprechen.

„Wie konnte das geschehen?“, fragt Eggers aufgebracht. In den letzten Wochen habe man es im Raum Lübtheen deutlich sehen und hören können. „Die Motorsägen haben strichweise ganze Arbeit geleistet. Wohlgemerkt, die Hecken brauchen schon Pflege, aber es sollten auch Hecken bleiben. In der Vergangenheit, wie auch jetzt, wurde oftmals die Strauchschicht dezimiert. Bäume wurden aus naturschutzrechtlichen Gründen nicht angerührt, daher fehlte unten am Boden das Licht. Beide Gründe führten zu einer Verkahlung der Feldschutzstreifen, von Hecken kann man da überhaupt nicht mehr sprechen. Und es geht munter so weiter.“ Bei einzelnen Maßnahmen der landwirtschaftlichen Betriebe habe man den Eindruck, dass Hecken nur als störend empfunden würden. Das Wissen um die positiven Werte gerade in unserer Landschaft scheine längst verschüttet. Aber gerade in unserer Umgebung mit den leichten Böden hätten Hecken eine besondere Bedeutung.

Die Nachtigallen hätten auf die veränderte Situation schon längst reagiert. Die meisten Hecken seien für sie nicht mehr geeignet, weil die Strauchschicht komplett fehle. „Wenn ich die diesjährigen sogenannten ,Pflege-Aktionen’ sehe, wird sich diese Entwicklung vermutlich weiter fortsetzen. Dabei ist die Nachtigall nur ein stimmlich besonders auffälliger Vertreter unserer heimischen Vogel- und Tierwelt.“ Die Situation anderer Arten sei noch bedrohlicher. „Wo sieht man denn heute noch Rebhühner, Neuntöter, Braunkehlchen oder hört Feldlerchen? Wenn es so ungebremst weitergeht, werden wir alle bald nur noch einen stummen Frühling erleben“, sagt Eggers, der seit seiner frühesten Kindheit schon eine Lanze bricht für die Sänger in Wald, Feld und Flur. Es sei deshalb dringend an der Zeit, dass sich Landwirte, Regionalpolitiker und Naturschützer zur Rettung der Lübtheener Heckenlandschaft schnellstmöglich an einen Tisch setzten, um eine Konzeption und vor allem verbindliche Handlungsrichtlinie zum Erhalt dieser Landschaft zu entwerfen, beschwört Eggers abschließend im SVZ-Gespräch.


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