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Boizenburg : „Auschwitz rettete mein Leben!“

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

KZ-Überlebende treffen auf Elbe-Gymnasiasten: Regisseurin Tanja Cummings präsentiert ihren Dokumentarfilm „Linie 41“

svz.de von
erstellt am 12.Okt.2017 | 12:00 Uhr

Nur wenige Wochen nach ihrer Exkursion ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau hatten Schüler des Elbe-Gymnasiums die Chance, einen Überlebenden des KZ persönlich kennen zu lernen. Das Kino Boizenburg zeigte gestern den Dokumentarfilm „Linie 41“, der die Geschichte zweier Männer erzählt, deren Wege sich in der polnischen Stadt Lodz kreuzen. Die Geschichte von Natan Grossmann, der erst das Lodzer Ghetto und schließlich das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau überlebte. „Auschwitz rettete mein Leben!“, sagt der 90-Jährige bestimmt. „Das glauben Sie nicht, oder? Aber es ist so“, betont er. Denn im Gegensatz zu anderen Konzentrationslagern, in denen Neuankömmlinge oft direkt liquidiert wurden, wurde im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau selektiert. „Dadurch hatte ich die Möglichkeit noch ein paar Wochen zu leben“, so Grossmann.

In diesen Wochen sucht eine Braunschweiger Firma Metallarbeiter. Natan Grossmann meldet sich und kommt in ein Lager in Vechelde, einem Vorort von Braunschweig. Er überlebt. Doch der Dokumentarfilm „Linie 41“ der Regisseurin Tanja Cummings erzählt nicht nur seine Geschichte, sondern auch die von Jens Jürgen Ventzki. Besser gesagt, die seines Vaters, der als Nazi-Oberbürgermeister in der Stadt Lodz tätig war. Mit unserer Volontärin Jacqueline Worch sprechen die Regisseurin und die Protagonisten über den Film, die Zuschauer und ihre Familien.

Der Film dokumentiert die Geschichte Ihrer Familien – wie kam es dazu?

Tanja Cummings: Es fing als Literaturrecherche an. Dann war ich auf der Suche nach Zeitzeugen. Ich wollte das Thema nicht nur aus Opfer-, sondern ebenso aus Tätersicht aufarbeiten. So bin ich auf Natan und Jürgen gestoßen.

Wie reagieren die Zuschauer auf den Film?

Natan Grossmann: Die Fragen sind immer ähnlich, variieren nur manchmal. Doch einmal als ich erzählte, wie meine Mutter im Ghetto verhungerte, weil sie mir, ohne dass ich es wusste, ihre Essenrationen gab, stand eine Frau auf und sagte, dass ich deshalb kein schlechtes Gewissen zu haben brauchte. Sie hätte das Gleiche für ihre Kinder getan. Das half mir sehr.

Wie fühlt es sich an, die Geschichte der eigenen Familie praktisch öffentlich aufzuarbeiten?

Jens Jürgen Ventzki: Eigentlich ist es ein sehr gutes Gefühl. Seit 17 Jahren arbeite ich an der Aufarbeitung meiner Familiengeschichte. 2001 bin ich zum ersten Mal nach Lodz gefahren. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Es ist wichtig, sich mit der Materie erstmal sachlich auseinander zu setzen, um Zusammenhänge verstehen zu können und auch um die Rolle der Eltern einordnen zu können. Durch diese Aufarbeitung habe ich Natan kennen gelernt, was mir sehr geholfen hat. Denn wir können die Geschichten des anderen, zu dem was damals passiert ist, gegenseitig bestätigen.

Ist es nicht etwas seltsam für Sie, sich selbst auf der Leinwand zu sehen?

Natan Grossmann: Mittlerweile haben wir ihn ja schon öfter gesehen.
Jens Jürgen Venztki: Aber ich muss auch sagen, dass es immer noch Momente gibt, in denen man jedes Mal wieder emotional berührt ist.

Ihre Geschichten überschneiden sich durch die Stadt Lodz – was verbinden Sie noch heute mit der Stadt?

Natan Grossmann: Die Linie 41.
Jens Jürgen Ventzki: Für mich war Lodz ja ganz fremd, ich hatte keine Erinnerungen mehr daran. Aber durch die Aufarbeitung meiner Familiengeschichte habe ich meine Geburtsstadt gefunden und das ist gut. Lodz war immer die Stadt der vier Kulturen – der russischen, der deutschen, der jüdischen und der polnischen Kultur. Nach einem Konzert in Lodz, in dem Musik aller vier Kulturen gespielt wurde, habe ich erkannt, dass die Nazis es nicht geschafft haben, aus Lodz eine deutsche Stadt zu machen und das macht mich sehr glücklich.

Wie haben Sie die Schüler des Elbe-Gymnasiums erlebt?

Natan Grossmann: Die Schüler waren sehr interessiert und haben viele Fragen gestellt.
Jens Jürgen Ventzki: Eine Schülerin erzählte mir, dass sie bei ihrer Exkursion nach Auschwitz eine Schülergruppe aus Israel trafen. Und diese Begegnung habe ihr bewusst gemacht: ‘Ich bin eine Deutsche. Das ist auch meine Geschichte.’ Das fand ich sehr bewegend.

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