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Hagenower Kreisblatt

20. November 2017 | 22:05 Uhr

Boizenburg : Aus Hakenkreuzen werden Herzen

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Irmela Mensah-Schramm zeigte Schülern der Tarnowschule, wie rechte Graffitis in positive Botschaften zu verwandeln sind

svz.de von
erstellt am 06.Jul.2017 | 05:00 Uhr

Diskussion in Polen, Filmpremiere in Italien, Lesung in Berlin, Friedensfestival in Görsdorf  und fünf Workshops in Boizenburg - so sahen die letzten vier Wochen für Irmela Mensah-Schramm aus. Seit 31 Jahren verwandelt die 72-Jährige Graffitis mit rechten Sprüchen und Symbolen in positive Botschaften. Seit 14 Jahren gibt sie dazu Workshops an Schulen, an der Regionalschule „Rudolf Tarnow“ schon einmal im Mai beim ersten Projekttag „Schule  ohne Rassismus“. „Die Sechstklässler vom Vorbereitungsteam für  ‘Schule ohne Rassismus’ wollten gern noch einen Workshop bei Irmela-Mensah Schramm machen“, erklärt Daniel Rupp aus der 9 A, der den Projekttag initiiert hatte, zu der erneuten Workshopreihe. Mathelehrerin Liane Albrecht fragte auch die anderen  fünf sechsten Klassen an der Schule und am Ende wollten 120 Schüler lernen, wie sie  mit bunten Farben gegen braune Parolen vorgehen können.

„Ich erhielt eine Mail von Daniel und dann haben wir versucht, dass zu organisieren“, erzählt Irmela Mensah-Schramm. Denn da waren die eingangs schon erwähnten anderen Termine. „Mitte Juni war Weltpremiere von einem Film über mich, der beim Filmfest in Bologna gezeigt wurde, da musste ich hin.“ Der 52-minütige Dokumentarfilm von Vincenzo Caruso heisst „The hate destroyer“ und gewann einen Preis. Danach nahm die Unerschrockene in Frankfurt  an einer Sitzblockade teil, die  eine Demo gegen die „Identitäre Bewegung“ stoppen wollte. Ein Video, das zeigt, wie sie von der Polizei weggetragen wird, ging viral durch die sozialen Netzwerke.

Doch am Dienstag und Mittwoch   hatte sich  die mittlerweile  ziemlich berühmte Wahlberlinerin Zeit für die  fünf Workshops in  Boizenburg genommen. „Das war sehr lustig“, meinten  am Ende viele Schüler aus der 6D. „Das war hier auch ein besonders lustiger Workshop“, gab Irmela Mensah-Schramm zurück. Sie ist immer wieder darüber erstaunt, wie viele verschiedene Ideen die Schüler haben. Die 12- und 13-Jährigen hatten  die Aufgabe, Vorlagen mit  Beispielen rechter Parolen in positive Botschaften zu verwandeln. So machte Hannah  aus „Juden verreckt“  zu „Rettet die Einhörner“ und eine Mitschülerin verwandelte „Ausländer raus“ in „Die Läden müssen länger öffnen“.

„Dieses Thema kann man auch nur  mit Humor  behandeln“, erklärte die Aktivistin den Schülern. „Denn Hass macht krank.“

Irmela Mensah-Schramm bedauerte, dass Direktor Dahlmann sie nicht begrüßt habe oder sich einmal in den Workshops habe blicken lassen. „Wo ich das schon kostenlos mache.“ Die  Workshops an Schulen bietet  sie immer kostenlos an, Fördergelder gab es  bisher noch nicht dafür. „Aber nach dem Video über das Strafverfahren in Berlin gegen mich auf ‘Change.org’ haben mir zwei Geschäftsleute aus Luxemburg eine Bahncard  100 gesponsert und jetzt komme ich wenigstens überall hin“, konnte die Rentnerin  im Gespräch mit der SVZ berichten.  2016 hatte sie  in einem Zehlendorfer Fußgängertunnel aus „Merkel muss weg“ - „Merkel Hass weg“ gemacht. Daraufhin erhob Berlin Klage. Die wurde dann zwar fallen gelassen,  doch die Berliner Staatsanwaltschaft wollte den Fall trotzdem weiter verfolgen. „Das Strafverfahren gegen mich wurde  jetzt eingestellt“, konnte Frau Mensah-Schramm diesmal der SVZ mitteilen. Auch das Ermittlungsverfahren in Bautzen gegen sie wurde eingestellt. Denn rechtlich gesehen, beschädige sie mit ihren Verwandlungen ja nur schon Beschädigtes.

Trotzdem trauen sich die Boizenburger offenbar selten, selbst gegen rechte Graffitis in der Stadt vorzugehen. „Gerade als ich mir gestern ein Eis gekauft hatte, sprach mich  auf dem Marktplatz ein junger Mann an, der meinte, auf der Siedlung gebe es  so viele rechte Sprüche.“  Die Seniorin  fuhr mit ihm hin und verwandelte vier rechte Parolen auf ihre Art. „Leider reichte mein Spray nicht für mehr“, bedauerte Irmela Mensah-Schramm.

Daniel Rupp und Torben Knaak organisieren übrigens gerade das Vorbereitungsteam für den nächsten Projekttag an der Tarnowschule. Es gibt über 100 Bewerber. „Außerdem wurde gerade letzte Woche entschieden, dass wir für das Zertifikat ‘Schule ohne Rassismus’ kämpfen werden“, verrieten die beiden Schüler.

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