Diskussion : Auf den Spuren der Wölfe

Lieber oder doch böser Wolf: Eine Experte klärte auf
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Lieber oder doch böser Wolf: Eine Experte klärte auf

Streichen durch Gärten am Stadtrand von Hagenow Wölfe? Ein Wolfsexperte klärte bei einer Diskussionsrunde im Boizenburger Kino auf.

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24. April 2015, 12:00 Uhr

Alle, die zur Geschichte gehören, waren da: diverse Großmütter, zahlreiche Jäger, einige Rotkäppchen ohne Kappen und ihre Eltern. Sogar Familie Wolf war anwesend, allerdings in der zweibeinigen Version. Natürlich hat Tochter Johanna ihre Eltern auf die Idee gebracht, sich den Vortrag von Dr. Norman Stier, einem der kenntnisreichsten Wolfsexperten Deutschlands, anzuhören. Wie schon Rotkäppchen ist sie fasziniert von ihrem Namensvetter. Aber sie und vor allem ihre Eltern wollten wie viele andere auch erfahren, was dran ist an den Gerüchten, dass durch die Gärten am Stadtrand von Hagenow oder anderswo ein Wolf streichen soll und ob das gefährlich ist.

Daher diese Nachricht zuerst: In den letzten 50 Jahren sind nach Aussage von Dr. Stier in Europa und Russland nur je vier Menschen durch nicht-tollwütige Wölfe gestorben, in Nordamerika gar keiner. Zum Vergleich brachte der Wolfsexperte den Hinweis, dass jährlich in Deutschland 20 Menschen durch Insektenstiche sterben und weltweit 150 durch herabfallende Kokosnüsse. Die Tollwut wurde durch groß angelegte Impfaktionen in den letzten Jahren in Europa so gut wie ausgerottet.

Dazu sollte man wissen, dass es in anderen europäischen Ländern wie Italien, Frankreich, Spanien, Griechenland, Polen und Russland schon lange und viel mehr Wölfe gibt, als in Deutschland. In der Bundesrepublik leben derzeit ca. 30 - 35 Rudel mit acht bis zehn Wölfen, insgesamt circa 300 Tiere. Allerdings steigt die Population exponentiell mit 40 bis 45 Prozent pro Jahr.

Auf die Frage, ob Wölfe aggressiv seien, brachte der Referent als Beispiel Russland. Dort gibt es sehr viele und größere Wölfe als in den westlichen Ländern, daher wird für jeden erlegten Wolf eine Prämie gezahlt. Deshalb nehmen die Leute die Welpen sogar aus den Wolfshöhlen, wenn die erwachsenen Wölfe darin sind. Bisher wurde dabei kein Mensch angegriffen.

Dr. Stier sah allerdings das Verhalten, wie es von Wölfen aus Niedersachsen in der letzten Zeit gemeldet wurde, als sehr problematisch. Nach seiner Erfahrung - und die hat der Wolfsexperte auch als Jäger - sind Wölfe normalerweise menschenscheu. Doch die Wölfe in Munster wurden anscheinend von Menschen gefüttert, haben nun ihre Scheu verloren und wagen sich nah heran. Diese Wölfe müssten umgehend aus den Rudeln entfernt werden, bevor sie sich reproduzieren, betonte er.

Ansonsten müssten sich Mensch und Wolf miteinander arrangieren, vor allem Jäger und Tierzüchter. Wölfe jagen am liebsten Rehwild, aber auch Hasen mögen sie sehr. Da jeder Wolf täglich drei bis vier Kilogramm Fleisch benötigt, bleibt dann wohl weniger für die Jäger. Obwohl das nicht unbedingt so sein muss. Die Beobachtung der Rehwild-Populationen in den Gebieten mit Wölfen über die letzten Jahre hat gezeigt, dass die Rehe Verluste durch Isegrimm mit höheren Geburtenraten ausgleichen. Ein Jäger, der sich in der anschließenden Diskussion zu Wort meldete, begrüßte ausdrücklich die Ausbreitung des Wolfes, das wäre gut für die Stärkung der Schalenwild-Populationen. Aber der Wölf müsste unbedingt ins Jagdrecht.

Natürlich reißen Wölfe auch gern Schafe, erläuterte Dr. Stier. Obwohl der Anteil an Nutztieren an ihrer Nahrung unter ein Prozent betragen soll. Schützen können sich Schafzüchter durch ein Meter hohe geknotete Stromzäune, die ebenerdig sind, und Herdenhunde. Dafür können sie vom Land eine Förderung bekommen, wenn sie in einer Grundsicherung innerhalb eines Jahres diese Zäune errichten, die überall, auch bei Gräben, bis zur Erde reichen müssen.

In der Diskussion gab es Unklarheit darüber, ob die Zäune einen sogenannten Untergrabschutz haben müssen. Ein Schafzüchter äußerte, Mitarbeiter vom Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt (StALU) hätten das bejaht. Dr. Stier meinte, das müsste nicht sein. Er gab den Tipp, dass die Stromzäune unten mit ca. 30 zusätzlichen Zentimetern umgeknickt und an den Boden geheftet werden könnten. Das wüchse schnell zu und hindere die Wölfe ebenfalls am Graben. Hat ein Schäfer diese Grundsicherung, werden ihm alle Riss-Schäden durch Wölfe ersetzt. Dr. Stier erwähnte allerdings auch, dass in MV bisher alle Schäden durch das Land ersetzt wurden, ob mit oder ohne Grundsicherung. Pferde mögen Wölfe übrigens nicht besonders und Esel in einer Schafherde sollen das schlaue Tier sogar fern halten.

Eine Großmutter wollte wissen, ob sie nun vor dem Wolf Angst haben müsste, wenn sie in der Griesen Gegend im Wald unterwegs sei. Darauf antwortete der Referent, nach den bisherigen Erfahrungen wäre das unnötig. Außerdem leben in MV bis jetzt nur zwei Wolfsrudel, in Lübtheen und in der Uckermark. Aber es gibt offenbar noch einige einzeln lebende Wölfe. Der Experte erläuterte, dass er und seine Kollegen auf Benachrichtigungen über Spuren, genetische Nachweise durch Haare oder Risse und Fotos angewiesen wären, um über die Ausbreitung der Wölfe sichere Aussagen treffen zu können. Dabei kommt es in der Bevölkerung jedoch oft zu Verwechslungen mit ähnlichen Hundearten.

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