Land legt Finanzhilfen auf Eis : Antrag bringt Bauern in Geldnot

Anhand dieser Luftbilder müssen Landwirte versuchen, ihre bewirtschafteten Flächen exakt einzuzeichnen.
Anhand dieser Luftbilder müssen Landwirte versuchen, ihre bewirtschafteten Flächen exakt einzuzeichnen.

Eine Umstellung der Flächenerfassung im Agrarantrag führt zu tausenden fehlerhaften Anträgen. Land legt Finanzhilfen vorerst auf Eis

svz.de von
22. Mai 2017, 05:00 Uhr

Die Abweichung einer einzigen Zahl, einer Zahl an dritter Stelle nach dem Komma, könnte für tausende Landwirte in Mecklenburg-Vorpommern zum Problem werden. Um Finanzhilfen für Agrar-Umweltmaßnahmen zu erhalten, müssen Landwirte einen entsprechenden Agrarantrag stellen. Eine Umstellung der Flächenerfassung innerhalb dieses Antrages von 2015 auf 2016 ist nun der Grund dafür, dass mehr als die Hälfte der eingereichten Anträge fehlerhaft sind und die Finanzhilfen in Millionenhöhe vorerst auf Eis liegen.

Bisher zeichneten Landwirte ihre bewirtschafteten Flächen im Antrag eigenhändig ein und orientierten sich dabei an den Maßen, die in Pacht- oder Kaufverträgen angeben waren. Diese müssen nun jedoch am Computer in dafür vom Land zur Verfügung gestellte Luftbilder eingezeichnet werden. Das Problem – die zehn Prozent Toleranzgrenze, die in früheren Anträgen gegeben war, fehlt. Das ist vor allem bei benachbarten Flächen zweier Landwirte problematisch. Liegt nämlich die geteilte Grundstückslinie, die ein Landwirt einzeichnet, nicht exakt auf der seines Nachbarn, wertet das System den Antrag als fehlerhaft.  Selbst wenn diese Abweichung lediglich eine Fläche von nur 0,001 Hektar umfasst. Das ist jedoch nicht so einfach, wie es klingt. Denn ein Landwirt kann beim Ausfüllen seines Antrages nur die Grundstücksgrenzen sehen, die sein Nachbar im vergangenen Jahr in seinem Antrag angegeben hat. Durch die Umstellung auf die geosystembasierte Erfassung  kann diese jedoch im aktuellen Antrag geringfügig anders verlaufen. Sichtbar ist das für den Landwirt in seinem Antrag jedoch nicht.

„Wir haben versucht, den Landwirten unseres Verbandes so gut es geht zu helfen und sie zu unterstützen“, sagt Nicole Gottschall, Geschäftsführerin vom Bauernverband Ludwigslust e.V.. „Aber eine Verschiebung der Grenze am Computer um einen Millimeter kann eine reale Fläche von mehreren Hektar umfassen“, erklärt die 31-Jährige.

Landwirte müssten nun versuchen, ihre Flächen so einzuzeichnen, dass die Grundstückslinien sich nicht nur nicht mit benachbarten Flächengrenzen überlappen, sondern auch so, dass die angegebene Fläche bis auf drei Stellen nach dem Komma mit der im Pacht- oder Kaufvertrag angegebenen Fläche übereinstimmt. Außerdem muss die tatsächliche Bewirtschaftung beim Einzeichnen unbedingt beachtet werden. Ansonsten wird der Antrag als fehlerhaft gewertet. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich in den Anträgen um einen großen oder kleinen Betrieb handelt, einen konventionell oder ökologisch bewirtschafteten. Eine Korrektur kann zwar bis zum 20. Juni vorgenommen werden, doch bisher ist noch nicht klar wie viele und welche Landwirte im Bereich Hagenow und Ludwigslust betroffen sind.

Die vom Land gezahlten Finanzhilfen, um die es in diesen Wochen geht, sollen für die Bauern ein Ausgleich für den Anbau vielfältiger Kulturen, der Anlage von Blühstreifen oder  der Pflanzung von  Hecken sein.  Für diese sind die Landwirte 2016 in Vorleistung gegangen. Genau diese Gelder sollen jetzt jedoch bis zur endgültigen Überprüfung und Korrektur der fehlerhaften Anträge zunächst gestoppt werden. Das könnte einige Landwirte in finanzielle Schwierigkeiten bringen. „Viele Landwirte rechnen ja auch mit diesen Geldern und könnten jetzt Probleme bekommen. Sie planen ihre Produktion oder eventuelle Anschaffungen danach“, erklärt Nicole Gottschall.

Die Anlage von Blühstreifen oder sonstigen Agrar-Umweltmaßnahmen ist freiwillig. „Man lässt sich auf einen Kompromiss ein, indem man sich nicht voll am freien Markt beteiligt“, sagt Holger Maack, Gesellschafter der GbR Maack Warsow. „Wir finanzieren über ein Jahr hinaus und jetzt könnte es große Probleme geben. Denn sobald ich mich am Bildschirm verzeichne und die Grenze eines Kollegen schneide, wirft das System aus, dass eine Doppelbeantragung für die Fläche vorliegt, obwohl wir das in der Realität nicht machen“, so der 43-Jährige.

Vor der Erstellung seines Antrages habe er versucht, sich so gut wie möglich mit seinem Nachbarn abzustimmen, um Überlappungen zu vermeiden. Ob seine Vorgehensweise erfolgreich war, weiß er jedoch noch nicht.

„Wir finden es positiv, dass sich die Flächen jetzt aus den Einzeichnungen ergeben“, sagt Leonie Thoms, Geschäftsführerin der Agrarvereinigung Toddin. „Allerdings ist es immer wieder problematisch, die korrekten Nachbarsgrenzen zu erfassen“, so die 32-Jährige. Schwierig seien auch die Landschaftselemente, wie Bäume, Hecken oder ähnliches, die teilweise anders eingezeichnet waren, als sie in Wirklichkeit vorhanden sind. Eine Verzögerung der Auszahlung würde sich auch auf die Landwirtin auswirken. „In diesem Fall müssten wir uns wirtschaftlich ganz anders aufstellen“, so Leonie Thoms.

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