Boizenburg : Am 28. April begann Todesmarsch

Die Ausstellung im KZ-Außenlager „Am Elbberg“ ist vom 2. Mai bis Oktober geöffnet.
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Die Ausstellung im KZ-Außenlager „Am Elbberg“ ist vom 2. Mai bis Oktober geöffnet.

Heute vor 70 Jahren mussten die 400 Jüdinnen des Boizenburger KZ-Außenlagers Vier ins Ungewisse aufbrechen.

svz.de von
28. April 2015, 21:00 Uhr

„Am 28. April setzte sich das ganze Lager morgens um 6 Uhr in Richtung Ludwigslust in Bewegung ... Wir gingen Waldwege, um keine Feindberührung zu erhalten und dem amerikanischen Beschuss zu entgehen.“ (W.B., Aufseherin) „Wir marschierten fünf Tage lang durch Wälder, auf holprigen Feldwegen. Von allen Seiten lauerten Gefahren. Die Deutschen, die wussten, dass wir eine Judenkolonne sind, beschossen uns von vorne, und die Russen schossen auch, weil sie nicht wussten, dass wir Häftlinge sind. Ein wahres Wunder, dass wir alle überlebten...“ (Überlebende Malvin S.)

Seit August 1944 waren im Boizenburger Außenlager Vier des KZ Neuengamme 400 ungarische Jüdinnen inhaftiert. Sie waren zu dieser Hochzeit der deutschen Rüstungsproduktion aus dem Vernichtungslager Auschwitz nach Boizenburg transportiert worden, weil der hiesige Rüstungsbetrieb „Thomsen & Co.-Werft“ dringend Arbeitskräfte benötigte.

Ungarn war von den Deutschen erst im März 1944 besetzt worden. Die deutsche „Endlösung der Judenfrage in Ungarn“ wurde mit beispielloser Geschwindigkeit und kaltblütiger Routine als letzter Akt der staatlich organisierten Ausrottung der europäischen Juden ausgeführt. Bis zu ihrem Abtransport nach Boizenburg hatten die Frauen schon unbeschreibliches Leid erfahren und viele ihrer Lieben sterben sehen müssen.

„Eines Tages im August 1944 wurden 400 Leute von uns in ein anderes leeres Lager gebracht. Selbst den einzigen Lumpen, der unseren Leib umhüllte, mussten wir ausziehen und nackt in der prallen Sonne sitzen. Das setzte sich die ganze Nacht über fort und wir froren. Essen und Trinken wurde nicht gereicht. Wir waren sicher, dass wir unserem Ende schon sehr nahe waren, hatten jedoch keine Angst und hofften auf ein Ende unserer Leiden. Am Morgen gab es unter der SS große Aufregung. Wir erhielten Kleidung, Schuhe und Unterwäsche. Nach drei Tagen Fahrt im Waggon eines Zuges erreichten wir Boizenburg.“ (Überlebende Livia B.)

In der Werft mussten die Frauen körperlich schwere Arbeiten leisten, ohne dabei den Jahreszeiten entsprechende Kleidung und ausreichende Ernährung zu bekommen, das führte zu einem raschen körperlichen Verfall. Eine Boizenburgerin berichtete, dass sie nach einer unerwarteten Begegnung mit der Kolonne der Jüdinnen auf dem Weg zur Werft im Frühjahr 1945 den Anblick der ausgezehrten Frauen nie wieder vergessen konnte.

Glücklicherweise gab es aber auch einige Werftarbeiter, die das Leid der Frauen nicht mitansehen konnten und ihnen unter Todesgefahr Essen, manchmal auch Medikamente zusteckten.

Die Frauen hatten im Lager auch unter Schlägen und Schlafentzug zu leiden. Ein Boizenburger berichtete: „Das Haus meiner Eltern lag ca. 150 m vom Standort des Lagers entfernt. Wenn wir uns vor der Haustür aufhielten, hörten wir sehr häufig die lauten Schreie der Insassen.“

„Wir, die Nachtschicht hatten, konnten uns leider tagsüber auch nicht ausruhen ... Leider behandelten uns die deutschen Aufseherinnen sowohl in der Fabrik als auch im Lager sehr schlecht. In Boizenburg gab es 400 Häftlinge, von ihnen starben in diesen achteinhalb Monaten trotz der argen Behandlung nur vier. Ein Mädchen wurde ermordet, weil es sehr schwach war; die Aufseherin schlug immerfort zu, bis das Mädchen starb. Die Leiche war noch warm, als sie über die Goldzähne schon herfiel.“ (Überlebende Szeren M.)

Besonders brutal ist die Ermordung eines Babys, das im Lager geboren wurde: „Meine beste Freundin (Agi), die schwanger war, als sie ankam, war so dünn, daß sie es ein paar Monate lang verbergen konnte ... und als meine Freundin plötzlich Wehen bekam, konnten sie sie nicht mehr ins Vernichtungslager schicken. Sie wurde ins Revier gebracht ... Wir alle gaben ihr unsere schmutzigen Handtücher, um ihr beizustehen. Sie brachte ein hübsches Mädchen zur Welt, das in ein Handtuch gewickelt und zur Elbe gebracht und in den Fluß geworfen wurde. Meine Freundin wurde zwei Tage später zur Arbeit geschickt.“ (Überlebende Cilli S.)

Als die Armeen der Amerikaner und Russen immer näher kamen, wurden die Insassen der Konzentrationslager auf Märsche geschickt. Auf diese Weise wollten die Nazis ihre Kriegsverbrechen vertuschen.

Die Häftlinge des Boizenburger Lagers wurden nach fünf Tagen Marsch am 2. Mai 1945 bei Groß-Laasch durch die 82. Luftlandedivision befreit. Die Überlebende Cilli S. beschreibt die Befreiung so: „... das war ganz abendteuerlich, denkt mahl wir sind durch die amerikanische Zone noch einmahl in die Deutsche hereingelaufen. Endlich war es doch ein Ende, das kann man sich nicht vorstellen, wir waren nicht normal vor Freude. Natürlich sind alle weggelaufen, aber die (SS-Lagerführerin Gertrud) Krüger und die kleine dünne Lina, die Schlag-Meisterin, wahren noch eine Zeit mit uns. Nie werde ich es mir verzeihen, dass Ihnen niemand nichts getan hat.“

Personen und Schicksal fast aller Aufseherinnen im KZ-Außenlager Boizenburg und der SS-Bewacher konnten nie ermittelt und damit die Schuldigen nie zur Verantwortung gezogen werden. Bis auf vier haben alle der inhaftierten Jüdinnen aus dem Boizenburger Lager die Zeit überlebt. Welche Folgen sie gesundheitlich und psychisch zu ertragen hatten, kann man aus dem Bericht von Livia B. von 1996 erahnen: „Damals wog ich 30 kg bei einer Größe von 1,70  m und war lungenkrank. Meine Lungenkrankheit konnte geheilt werden, doch aufgrund meiner Psyche bin ich heute noch in ärztlicher Behandlung. Ich leide unter Depressionen, unter dem sogenannten „Auschwitz-Syndrom“. Zwei Selbstmorde liegen hinter mir und ich lebe vereinsamt.“

Die Zitate wurden der Broschüre „Das Aussenlager Boizenburg des KZ Neuengamme“ von Ilse Ständer, herausgegeben vom Heimatmuseum Boizenburg, entnommen.

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