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Hagenower Kreisblatt

22. November 2017 | 21:36 Uhr

Wittenburg : Abseits der Klassiker

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Männer- oder Frauenberuf? Vier Projektwerkstätten im Land sollen Jugendliche offener machen. Eine erste Bilanz

von
erstellt am 23.Mär.2017 | 05:00 Uhr

„Wo sind die Frauen?“ Mehrmals stellt Michael Kühnel gestern Nachmittag diese Frage. Vor seinen Schülern und Lehrern, vor Firmenchefs und Gewerkschaftern, und vor Stefanie Drese (SPD), Ministerin für Soziales, Integration und Gleichstellung in Mecklenburg-Vorpommern. Die Frage ist Teil der  Bilanz zur ersten Girls Day Werkstatt im Land, die vor einem Jahr am Gymnasialen Schulzentrum mit Regionalschulteil gestartet ist.  In Gadebusch, Wolgast und Feldberg läuft sie noch bis  September 2017. Auch als Pendant für die Jungs. Erst danach steht auch fest, ob und wie dieses geschlechtsspezifische und geförderte Berufsorientierungsprojekt „Bogen“ in den Schulen im Land integriert werden kann.

Für Schulleiter Michael Kühnel ist jedoch schon jetzt klar: „Wir wollen weitermachen.“  Denn aus seiner Sicht hat das Projekt den Mädels etwas gebracht. Sie seien viel offener geworden.  Und das sei  für viele Wirtschaftszweige von Bedeutung. Auch  angesichts des Fachkräftemangels.

Forst, Werft, IT-Branche: Seit einem Jahr erhalten einige Mädchen an seiner Schule Einblicke in eine für sie vielleicht etwas ungewöhnliche  Berufswelt (SVZ berichtete mehrfach). Mit gemischtem Fazit bei den Teilnehmern. „Wenn wir irgendwo gewesen sind, war es super“, sagt etwa Mia Sophie Jung. Doch neben den Ausflügen in Betriebe oder Hochschulen sei auch sehr viel Theoretisches besprochen worden. Und noch etwas ist ihr aufgefallen: Viele Lehrer hätten etwas gegen das Projekt gehabt. Obwohl sie für die Zeit vom Unterricht befreit gewesen sind. Aber der Stundenplan ist voll, das Pensum in den höheren Klassen hoch. Deshalb müssen sich Mia und die anderen Mädels der heutigen zehnten Klassen frühzeitig von dem Projekt verabschieden. Ihre Bilanz: Spannende Einblicke, ja, vor allem in die Welt der Ausbildungsberufe. Ein fester Berufswunsch aber, nein.

Das sieht bei den jetzigen Neuntklässlern ganz anders aus. Bei Anastasia Maier hat sich der Wunsch verfestigt, als Polizistin zu arbeiten. Für Annika Sunkovsky steht nun fest, „die Forst wäre vielleicht was“. Auf diese Idee wäre sie vorher nie gekommen.

Das hört Ministerin Stefanie Drese gern. „Wir möchten nicht, dass ihr euch auf die Klassiker konzentriert“, sagt sie gestern. Und: „Seid offen auch für Ungewohntes.“ Mädchen sollten keine Scheu vor technischen oder handwerklichen Berufen haben. Sie könnten all das genauso gut wie  Jungs. Und genau „das wollen wir  euch zeigen mit diesen praktischen Einblicken“. Die Wittenburger Schule hätte sich im letzten Jahr „beispielgebend dafür eingesetzt“. Gleichzeitig dankt die Ministerin  allen Partnern dieses Projektes für ihre Beharrlichkeit, an der Erweiterung des Girls Days zu arbeiten. Aber: „Es ist erst der Anfang des Weges zu einer Berufsfindung ohne Klischees. „Wir müssen uns in Zukunft weiter dafür einsetzen, den Mädchen und Jungen neue Impulse zu geben“, so Stefanie Drese.

Wenn Ende September alle vier „Leuchtturmprojekte“ im Land abgeschlossen sind, „werden wir sehen, ob und wie es weitergeht“, sagt Rüdiger Dohse, Projektverantwortlicher vom Bildungswerk der Wirtschaft Mecklenburg-Vorpommern. Gemeinsam mit den Partnern DGB Nord, der Vereinigung der Unternehmerverbände und der Gleichstellungsstelle schiebt er vor über einem Jahr das aus Landes- und ESF-Mitteln geförderte Projekt mit an. Und es „hätte Chancen, sich an den Schulen zu etablieren“.

Bleibt allerdings die Frage, wer das alles bezahlt und welche Lehrkraft das übernimmt, wirft Ute Halfar ein. Sie ist pensionierte Lehrerin und betreut derzeit die Mädels der Wittenburger Girls Day Werkstatt als Teilzeitkraft. Schulleiter Michael Kühnel will nun „eigene  Power“ dafür einsetzen und verstärkt regionale Betriebe als Partner suchen.

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