Zarrentin : Grenzgeschichte: Den Strangen zurückerobert

Historische Ansicht von der Halbinsel Strangen. Alle Häuser wurden nach der Zwangsaussiedlung abgerissen.  Repro: Archiv Kuno Karls
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Historische Ansicht von der Halbinsel Strangen. Alle Häuser wurden nach der Zwangsaussiedlung abgerissen. Repro: Archiv Kuno Karls

Wilhelm Hanebeck aus Zarrentin: „Die Grenze hat mich mein Leben lang begleitet“

svz.de von
14. August 2019, 12:00 Uhr

In unserer Beitragsserie über die frühere Staatsgrenze veröffentlichen wir heute einen Beitrag, den uns Wilhelm Hanebeck aus Zarrentin zugeschickt hat. Er beschreibt darin das Leben am Schaalsee vor und kurz nach der Grenzöffnung. Wilhelm Hanebeck schreibt:

„Die Grenze bzw. die Mauer, im DDR-Jargon ,der antifaschistische Schutzwall’, hat mich mein Leben lang begleite. Am Schaalsee aufgewachsen, 1961 als die Mauer in Berlin gebaut wurde, dort meine Ausbildung begonnen und später von Neuhaus und Zarrentin aus bis zum Mauer- bzw. Grenzfall immer mit der menschenverachtenden Grenze und deren Bewachung konfrontiert, weil dort gelebt und gearbeitet.

Der Mauerfall vor 30 Jahren am 9. November war darum für mich einer der größten Höhepunkte in meinem Leben, deren Erinnerung mir heute noch eine ,Gänsehaut’ über den Rücken treibt. Wir lebten und leben direkt am Schaalsee und durften bis zur Wende weder an unserem Steg baden und schon gar nicht auf dem See Boot fahren. Die durch den See führende Grenze zwischen zwei feindlichen Weltsystem wurde von der DDR-Seite aus schwer bewacht, und jeden Abend leuchteten die Grenztruppen von einem Schnellboot aus die Promenade und unsere Grundstücke mit starken Scheinwerfern ab auf der Suche nach eventuellen ,Grenzverletzern’. So waren wir immer ,sicher’, uns konnte ,nichts passieren’. Am 9. November fiel die Mauer bzw. fielen die Grenzanlagen, und damit begann für uns ein völlig verändertes Leben. Ein halbes Jahr später war auch das Grenzschnellboot vom See verschwunden. Wenige Tage nach dem Grenzfall noch im November 1989 ,eroberten’ viele Zarrentiner den Strangendamm und den Strangen – früher ein beliebter Ausflugsort mit Restaurant und Bettenhaus und Hamburger Ferienhäusern - zurück, der seit 1972 entvölkert zwischen den beiden Grenzzäunen lag. Der Streckmetallzaun wurde an einer Stelle abgeschraubt und beiseite gebogen. Der erste Teil des Strangendamms war von den Grenzsoldaten baumlos und kahl gehalten wegen der Übersichtlichkeit und nur mit Unkraut überwuchert.

Aber die Brücke am Durchlass vom großen See zum Kirchsee war zerstört. Findige Zarrentiner schleppten alte Leitern dort hin, banden sie zusammen und hatten damit einen Notübergang gebaut, über den wir dann auf ,allen Vieren’ den Stangen erreichen konnten! Unser ehemaliges Ausflugsziel sah trostlos aus. Nur die alte Lindenallee war unversehrt. Die sonstige Vegetation war ziemlich kurz gehalten, vom früheren Ausflugslokal, den Ferienhäusern und den sonstigen Gebäuden waren nur noch die Fundamente zu sehen. Auch der sogenannte Liebeshügel, eine kleine Erhebung am nördlichen Ende, war verschwunden. Mit dem Erdmaterial hatten die Bautrupps den Kolonnenweg durch das sumpfige Gelände zur Ratzeburger Chaussee befestigt. Trotzdem freuten sich die Zarrentiner sehr. Sie hatten ihren Strangen zurück.“

Ihre Grenzgeschichten: Wie haben Sie Grenzsignalzaun und die täglichen Kontrollen erlebt?

Schreiben Sie uns, wie Sie die Grenze erlebt und in Erinnerung haben. Wir wollen mit unseren Beiträgen helfen zu erklären, wie diese militärisch gesicherte Staatsgrenze einst funktionierte und auch wirkte. Schicken Sie uns Ihre Geschichten oder Anregungen, Ihre Hinweise und Fotos zum Thema. Am besten per e-mail unter hagenow@svz.de, postalisch an die Redaktion in die Schweriner Straße 1 in 19230 Hagenow oder per Whats App oder SMS an die Nummer 0151/17102628. Wir freuen uns über jede Anregung.
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