Archezentrum Neuhaus : Wieviel Osten steckt in der Jugend?

svz+ Logo
Als „einfach nur aus dem Amt“ empfinden sich Heike Pink, Max Clasen, Paula Holz, Gerjit Sperling und Luisa Brusch
Als „einfach nur aus dem Amt“ empfinden sich Heike Pink, Max Clasen, Paula Holz, Gerjit Sperling und Luisa Brusch

Das Archezentrum fragt in einer Geschichtswerkstatt nach, inwieweit junge Menschen noch vom Ost-West-Gegensatz beeinflusst sind

Exklusiv für
SVZ+ Nutzer
svz+ Logo

von
28. Juni 2019, 12:00 Uhr

„Ich bin weder Ossi noch Wessi, einfach nur aus Neuhaus“, stellt Gerjit Sperling deutlich klar. Im Freundeskreis und an seiner Boizenburger Schule spiele die Herkunft überhaupt keine Rolle. Dass man mit solchen Vorteilen konfrontiert sein könnte, stößt bei dem 15-Jährigen schlicht auf Unverständnis.

„Wieviel Osten steckt in dir?“

Für Heike Pink dagegen, die kurz vor der Wende geboren ist, ist immer noch ein Erlebnis aus ihrer Jugendzeit präsent, als sie zum ersten Mal mit der Jugendfeuerwehr zu einem Wettkampf über die Elbe gefahren ist: „Wir wurden dort von Gleichaltrigen als Ossis beschimpft. Aber noch schlimmer war eigentlich, dass es keine Entschuldigung oder eine Klarstellung gegeben hat.“

„Wieviel Osten steckt in dir?“ lautete das Thema einer Geschichtswerkstatt des Archezentrums begleitend zur Sonderausstellung „Erlebnis Grünes Band“ und gefragt sind junge Menschen zwischen 15 und 32 Jahren. Moderiert von Archezentrumschef Holger Belz und der Journalistin Karin Toben diskutieren Paula Holz, Heike Pink, Luisa Brusch, Gerjit Sperling und Max Clasen mit den Gästen über ihre Erfahrungen mit den Vorurteilen zwischen Ost und West. „Kategorisierungen wie Ossi oder Wessi führen nur zu Sprachlosigkeit. Unsere Gesellschaft soll doch lebendig bleiben, deshalb müssen wir schauen, was für Menschen hinter solchen Schlagworten stecken“, gibt Karin Toben der Runde mit und lobt die jungen Menschen für ihren Mut, offen Einblicke in ihre Biographien zu geben.

Anhaltende Ungerechtigkeiten noch nach 30 Jahren

Schnell ist zu merken, dass die Biographien der jungen Leute aus dem Amt kaum noch vom Ost-West-Gegensatz beeinflusst sind, vielleicht mal ein Witz von Kollegen oder Mitschülern, „heute nur noch dumm, aber nicht mehr bösartig“ findet Heike Pink. Von „hüben“ und „drüben“ oder „rüberfahren“ ist aber noch viel die Rede, denn Umwege und fehlende Brücke erschweren weiterhin die Kontaktpflege und barrierefreie Treffen. Und auch anhaltende Ungerechtigkeiten spürt die nachwachsende Generation noch nach 30 Jahren. Luisa Brusch, die in Flensburg Grundschullehrerin studiert, beklagt: „Ich würde gerne als Lehrerin ins Amt zurückkommen, aber ich verdiene hier oder in Mecklenburg sehr viel weniger als im Rest von Niedersachsen.“

Den Alltag der DDR kennen sie nur noch aus Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern, doch auch in dieser Form ist er noch sehr lebendig und durchaus positiv besetzt. „Ich denke manchmal, das war viel cooler damals, weil einfach viel mehr losgewesen ist“, überlegt Paula Holz und ihre Mutter Andrea ergänzt sofort: „Wir waren auch die unbeschwerte Generation, deine Großeltern mussten schlimme Ereignisse wie Kollektivierung oder Zwangsaussiedlungen erleben.“ Auch am Kaffeetisch von Max Clasen und seiner Familie haben – wie er es formuliert - die „besseren Tage der DDR die Überhand“. Die Abriegelung durch die Grenze bleibt für den 19-Jährigen unvorstellbar: „Ich bin so dicht an der ehemaligen Grenze aufgewachsen, aber wenn ich auf dem Deich stehe, kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass hier mal ein Zaun gewesen sein soll.“



zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen