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Leberzirrhose-Patientin: Der Albtraum ist vorbei : Hagenower Ärzte setzen auf neuartige Pumpe

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Keine schmerzhaften Eingriffe mehr, keinen aufgeblähten Bauch, keine Sterbensangst. Petra Weiß ist die erste Leberzirrhose-Patientin im Nordosten und eine von 200 weltweit, die nicht mehr zum Punktieren muss.

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erstellt am 01.Jul.2013 | 08:01 Uhr

Hagenow | Der Albtraum von Petra Weiß* ist vorbei. Keine schmerzhaften Eingriffe mehr, keinen aufgeblähten Bauch, keine Sterbensangst. Die Frau aus der Hagenower Region ist die erste Leberzirrhose-Patientin in Mecklenburg-Vorpommern und eine von 200 weltweit, die eine neuartige Pumpe zum Abtransport des Bauchwassers implantiert bekommen hat. Diese sitzt unter Haut, zieht das Bauchwasser über einen löchrigen Schlauch ein und transportiert sie über einen weiteren in die Harnblase. Mehr als 56 Liter wurden so seit der Operation vor 47 Tagen im Hagenower Westmecklenburg Klinikum "Helene von Bülow" ausgeschieden. Die Alternative: Eine Leber-Transplantation oder eine Kombi-Behandlung aus Wassertabletten und regelmäßigem Punktieren. 111 Patienten mussten diese Prozedur 2012 in Hagenow und Ludwigslust über sich ergehen lassen. Tendenz steigend.

"Es ist eine bösartige Erkrankung", sagt Prof. Dr. Ulrich Treichel, Chefarzt Innere Medizin in Hagenow. Ohne Therapie würden 50 Prozent der Patienten innerhalb von zwei Jahren sterben - 50 000 sind es jährlich in Deutschland. Die Ursachen sind vielfältig. Sie reichen von chronischen Leberentzündungen bis hin zu Alkoholkonsum (50 Prozent).

Die Bäuche würden massiv anschwellen. Mit bis zu 20 Litern Bauchwasser innerhalb kürzester Zeit. Petra Weiß musste zuletzt alle sechs Wochen in die Klinik. Mittels Punktierung wurde das Wasser abgelassen. "Das ist sehr schmerzhaft", sagt die 61-Jährige. Und es birgt tödliche Risiken. Einige sterben an Infektionen durch die Einstiche.

Die eine Lösung: Leber-Transplantation. Doch laut Dr. Treichel stimmen die beiden dafür vorgeschriebenen Nieren- und Leberwerte bei den meisten Patienten nicht. "Die Hinweise der Ärzte zählen heute nicht mehr", bedauert er. Auch, wenn ein Patient bald stirbt. Wenn er nämlich trotz "guter" Werte immer dünner wird, und damit immer mehr zum Risiko-Patienten für eine Operation. Hinzu komme der Mangel an Transplantationsorganen. Seit dem Skandal würden in Deutschland mehr als 200 Lebern weniger transplantiert.

Die Alternative: Die batteriebetriebene Pumpe, die drahtlos per Induktion aufgeladen wird. "Die Idee ist faszinierend simpel", sagt Dr. Treichel. Eine Stunde dauerte die Operation. Und er hofft auf einen Langzeit-Erfolg. Vor zwei Jahren wurde die erste Pumpe dieser Art implantiert. Meistens an Unikliniken. "Wenn man sieht, was schon nach kurzer Zeit bewirkt werden konnte", begründet er seine Hoffnung. Petra Weiß muss weniger Medikamente nehmen und ihr blieb schon mindestens ein Klinikaufenthalt erspart. Die Lebensqualität verbessere sich enorm. "Sie kann damit noch viele Jahre gut leben", schätzt Dr. Treichel.

Doch bis dahin war es ein langer Kampf mit den Krankenkassen. Bis sich eine bereit erklärte, die Kosten von 20 000 Euro zu übernehmen. "Doch die gleichen sich sehr schnell aus", betont Dr. Treichel. Denn schon einmal Punktieren würde 3000 bis 4000 Euro kosten. Und das alle sechs Wochen bei Petra Weiß. "Wir müssen wieder zum Solidarprinzip zurück", sagt der Mediziner. Statt auf Ökonomie in Kliniken, aufs Wohl der Patienten setzen. Auch Chefarzt Frank Mandelkow sagt, dass man der Medizin immer unterstelle, dass sie sich bereichern möchte. Dies sei ein gutes Gegen-Beispiel. In Hagenow sollen noch in diesem Jahr weitere Pumpen implantiert werden.

Petra Weiß hat heute viel mehr Selbstwertgefühl. "Ich bin so froh, rundum zufrieden und dankbar", sagt sie. Drei Jahre lebte sie mit diesem riesigen Bauchumfang, litt unter den Einschränkungen. Vieles habe sie im Leben durchmachen müssen, ihre Kinder verloren, deshalb getrunken. "Jetzt geht es mir wieder gut." Ihr Wunsch: Weniger Vorurteile gegen Menschen mit dieser Krankheit.

*Name ist der Redaktion bekannt

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