Ein Angebot des medienhaus nord
Ein Artikel der Redaktion

Ex-Truppenübungsplatz Lübtheen Die ersten Verbote fallen

Von MAYK | 09.12.2016, 21:00 Uhr

In Sachen Munitionsbelastung auf dem alten Übungsplatz sehen die Behörden nun klarer: Erste Gebiete werden im Januar freigegeben.

Offiziell war das riesige Gebiet des 6200 Hektar großen Truppenübungsplatzes bisher eine verbotene Zone: Betreten, Befahren waren nicht erlaubt, der hohen Munitionsbelastung wegen. Jetzt werden die strengen Verbote zum ersten Mal seit Jahrzehnten gelockert. Konkret geht es um 900 Hektar, die ab kommenden Januar Schritt für Schritt freigegeben werden sollen. Allerdings wird das nur etwas für Fußgänger und Pilzsucher bringen, denn das Befahren bleibt generell verboten, die Sperren an den Zugängen verschwinden nicht. Die anderen 5300 Hektar des riesigen Übungsgeländes, das 1936 von der damaligen Wehrmacht geschaffen wurde, bleiben sowieso streng gesperrt, der Sicherheit wegen. Denn zum ersten Mal wissen die zuständigen Behörden jetzt relativ genau, welche Gefahren wo auf dem Gelände durch die militärischen Hinterlassenschaften drohen. Über viele Monate hinweg gab es eine aufwändige Untersuchung, die alle erreichbaren Quellen über Luftbilder, Berichte von Wehrmacht, NVA und über die Sprengungen der Sowjetarmee nach dem Krieg einschloss. Ergebnis dieser historisierenden Quellenforschung: Es gibt Bereiche auf dem Truppenübungsplatz, die weiterhin extrem mit gefährlichen Munitions- und Sprengstoffresten belastet sind und es gibt Bereiche, wo relativ wenig bis gar nichts liegt. Die sichersten Bereiche werden nun freigeben, der ganze große Rest muss noch untersucht werden. Über den Stand der Entwicklungen sind in dieser Woche zunächst erst einmal die Bürgermeister der umliegenden Kommunen informiert worden.

Federführend in dem Verfahren ist der Besitzer des Areals, und das ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima), und hier konkret der Bundesforstbetrieb Trave. Dessen Funktionsbereichsleiter, Andreas Wolters, stellte dann auch die Pläne für den Übungsplatz der Öffentlichkeit vor. Mit dem Besitzwechsel ist der Übungsplatz auch in das so genannte Naturerbe übergegangen, und dort gibt es strenge Regeln.

Als nächster Schritt nach der zum Teil wohl nur eher symbolischen Freigabe der ersten Flächen (auf nebenstehender Karte grün gekennzeichnet)  geht es nun um die Sicherheit der Ortschaften, die am dichtesten am Platz liegen. Dort will der Munitionsbergungsdienst des Landes im kommenden Jahr mit so genannten Erkundungen im Gelände starten, wie dessen Chef Robert Molitor mitteilte. „Wir wollen sehen, was dort wirklich liegt, wie gefährlich es ist und wie es geräumt werden muss“, beschrieb Molitor die Lage. Begonnen wird dabei im Jessenitzer Bereich. Denn dort, rund um das ehemalige Marinearsenal, ist es nach wie vor besonders gefährlich. „ Wenn es da brennt, fliegt uns einiges um die Ohren“, ist sich Lübtheens Ordnungsamtsleiter Bernd Skobel sicher, der auch schon einige Brände auf dem Gelände erlebt hat. Auch Andreas Wolters von der Bima stellt die Sicherheit der Ortschaften an die erste Stelle. „Wir werden um die Ortschaften herum einen 1000-Meter-Radius schaffen, der sicher ist und wo auch bei Bränden nichts passieren kann. Das geht vor.“ Die Kosten dafür können immens sein. Die Munitionsberger kalkulieren pro Hektar Beräumungskosten von 15 000 Euro und mehr.

Allein um die Ortschaften zu sichern, werden derzeit mindestens drei Jahre kalkuliert.  Bis es dann soweit ist, dass Besucher die Schönheit der Heidelandschaft tatsächlich einmal genießen können, wird es wohl noch länger dauern. Das Expertengremium ging in dieser Woche von gut zehn Jahren aus.

Nicht nur für Lübtheens Bürgermeister Ute Lindenau ist das viel zu lange. „Wir reden hier von der neuen Biosphäre, die muss in Teilen auch erlebbar sein. Da brauchen wir dringend schnellere Lösungen, nur absperren bringt uns nicht weiter.“

Schon jetzt halten sich etliche Bürger aus der Umgebung längst nicht mehr an die Verbotsschilder. Für die Behörden eine gefährliche Entwicklung, weil ja etwas passieren könnte. Zwar gelten die von der Bundeswehr gebauten und genutzten Wege auf dem weitläufigen Terrain eigentlich als sicher, doch wie es neben den Wegen und der Ringstraße aussieht, weiß niemand so genau. Und so soll als eine weitere Strategie die Munitionsbelastung entlang der Wege untersucht und reduziert werden. Das wäre eine Möglichkeit, auch den Quaster-Tag im kommenden Jahr wieder zu feiern. An diesem Tag wird der einst geräumten Ortschaft, die mitten auf dem Platz lag, gedacht.

Doch zunächst werden im Januar die ersten Verbotsschilder an einigen Stellen zurückgesetzt. 

Kommentar: Vollkasko-Denken regiert weiter
Der alte Platz wird freigegeben, ein bisschen wenigstens, immerhin. Nach Jahren der Sperrungen ist das ein Lichtblick. Mehr jedoch nicht. Das Problem ist, dass hier zwei Denkschulen aufeinander treffen. Da sind die Einheimischen, die sich auskennen und diese ganzen Schilder und Sperren für völlig übertrieben halten. Und da sind die Behörden, die das Thema nach dem Abzug der Bundeswehr am Hals haben und  versuchen, sich irgendwie abzusichern. Und es gab und gibt das Problem, dass man auch jetzt nur in etwa weiß, was wo liegen könnte. Wenn der neue Eigentümer jetzt da  Struktur reinbringt, wenn endlich geguckt wird, was wirklich an Munition liegt, dann kann es auch etwas werden mit dem Naturerbe. Natürlich kostet das Geld, sehr viel Geld sogar. Denn jahrzehntelang hat es niemanden interessiert, was dort liegt und im Falle eines Falles hochgehen könnte. Jetzt ist von Biosphäre, Kernzonen und Naturerlebnis die Rede. Und da drängelt die Bevölkerung, die endlich die Schönheiten des Platzes mit seinen herrlichen Dünen- und Heidelandschaften erleben will. Und die Neugierigen werden nicht ewig warten. Der Anfang wird nun gemacht, jetzt muss es zügig weitergehen. Und natürlich auch sicher. Mayk Pohle