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Boizenburg 45 Schüler durch Reizgas verletzt

Von KFRI | 08.12.2016, 17:30 Uhr

In der Tarnow-Schule waren durch eine Spielerei vor allem Fünft- und Sechstklässler durch Reizgaswolke betroffen

Es schien so harmlos zu sein. Der 16-Jährige war fasziniert von dem Pfefferspray, das eine gleichaltrige Mitschülerin mitgebracht hatte, so etwas kannte er nicht von zu Hause. Er nahm es in die Hand und drückte ohne nachzudenken einmal kurz auf den Sprühkopf. Mit ungeahnten Folgen, denn zu diesem Zeitpunkt befand er sich im Essenraum-Container der Boizenburger Rudolf-Tarnow-Schule. Um 11 Uhr waren dort am Donnerstagmittag vor allem Fünft- und Sechstklässler, aber auch ältere Schüler und die Schüleraufsicht. 45 Schüler waren es am Ende, die vom Notarzt und Rettungsdienst wegen Reizungen der Augen, Atemwegsbeschwerden, Übelkeit und Schwindel behandelt werden mussten. Auch Polizei und Feuerwehr waren im Einsatz.

Um die Rettungswagen bildeten sich Trauben

„Als wir hier ankamen mit den drei Einsatzwagen, bildeten sich sofort Trauben von Schülern um unsere Autos“, berichtete der organisatorische Einsatzleiter des Rettungsdienstes, Rainer Auras.

„Viele Kinder weinten, bei vielen liefen wegen der Augenreizungen aber sowieso Tränen übers Gesicht. Wir haben in dem Wirrwarr versucht Ruhe zu bewahren und nacheinander alle behandelt.“ Vor allem die Augen wurden gespült sowie Gesicht und Hände mit Wasser dekontaminiert. Der Rettungsdienst kümmerte sich mit der Schulleitung auch darum, dass jeder der jüngeren betroffenen Schüler von den Eltern oder einem von ihnen benannten Erwachsenen abgeholt wurde.

 „Ich habe das Spray nur in Richtung Fenster gehalten“, erklärte der 16-jährige Verursacher, der sichtlich mit den Tränen zu kämpfen hatte, „ich wollte auf keinen Fall jemanden verletzen.“ Durch die Ausbreitung der Reizgaswolke musste er selbst umgehend aus dem Essen-Container laufen und sein Anfallspray nehmen, da er unter Asthma leidet.

Schüler entschuldigte sich bei Allen

„Ich habe von unserer Lehreraufsicht im Esssenraum sofort von dem Vorfall erfahren“, äußerte sich Schuldirektor Jörg Dahlmann. „Wir haben gleich Notarzt, Polizei und Feuerwehr gerufen, die waren auch alle schnell da.“ Als sich die Reizgaswolke ausbreitete, seien die Schüler in Panik aus dem Essen-Container gelaufen. „Über den Gang hat sich die Reizgaswolke bis in die Pausenhalle verteilt. Selbst ich habe noch ein Kratzen im Hals gespürt“, so der Direktor. Sein Büro grenzt an die Pausenhalle.

Der Unterricht konnte jedoch nach einem Durchlüften von allen Räumen fast ohne Unterbrechung fortgesetzt werden. „Nur die betroffenen Schüler konnten Pause machen oder frische Luft auf dem Schulhof schnappen“, informierte der Direktor, der seit 1998 Lehrer an der Regionalschule ist.

Er glaube dem 16-Jährigen ganz bestimmt, dass der Vorfall ein Unglück war, meint der Schulleiter. Er kenne den Jugendlichen als sehr engagierten Schüler.

Tierabwehrspray ist frei verkäuflich

Seitdem er wieder Luft holen konnte, stand der junge Verursacher des Unglücks vor dem Klassenraum, in dem sich die Schüler befanden, die behandelt werden mussten, so auch beim Eintreffen der SVZ. Zu jedem einzelnen Schüler, der herauskam, ging er hin und sagte: „Ich bin schuld an dem, was passiert ist. Es tut mir sehr leid, ich wollte nicht, dass du verletzt wirst.“

Die Polizei habe bereits eine Anzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung gestellt, erklärte der Schüler mühsam gefasst. „Wenn ich Pech habe, stellen die Eltern der betroffenen Schüler auch noch Anzeige und ich muss den Einsatz hier bezahlen.“

„Das Spray, um das es sich hier handelt, ist ein Tierabwehrspray“, erläuterte Fredo Kreft, der Leiter des Boizenburger Polizeireviers. „Es bildet sich beim Betätigen des Sprühknopfes eine Aerosolwolke, weil Tiere sich ja so schnell hin und her bewegen.“ Dieses Spray sei überall frei verkäuflich, man brauche dafür keinen Waffenschein. „Dieses Spray darf aber nicht gegen Menschen eingesetzt werden, nur im äußersten Notfall.“ Ob eine Situation einen Notfall darstelle oder nicht, darüber würden Richter entscheiden. „Oft glauben Menschen, in Notwehr gehandelt zu haben, aber dann war es gar keine Notfallsituation. Eine Beleidigung oder ein Heben der Hand reichen dafür nicht aus.“

Nur die Polizeibeamten selbst hätten Pfeffersprays mit einem Richtungsstrahl, mit dem man gezielt einzelne Täter angreifen kann.