Häftling steigt der Justiz aufs Dach

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09. April 2010, 07:41 Uhr

Bützow | Ein Häftling ist gestern auf das Dach der Justizvollzugsanstalt Bützow im Kreis Güstrow geklettert. Etwa drei Stunden harrte der Mann aus Litauen dort aus, ehe Justizbeamte und Seelsorger ihn dazu bewegen konnten, das Dach des Hafthauses wieder zu verlassen. Der 32-Jährige forderte mit dieser ungewöhnlichen Aktion seine Verlegung in die Heimat nach Litauen.

Während einer Freistunde im Hof kletterte der Mann, der seit einem Jahr in der Bützower Haftanstalt wegen eines Drogendelikts einsitzt, an einem Blitzableiter die rund zehn Meter hohe Außenwand des Hafthauses hinauf.

Zunächst war von einem möglichen Suizid die Rede. Die Feuerwehr, ein Psychologe, ein Gefängnisseelsorger und Ärzte eilten zu dem derzeit leerstehenden Hafthaus, eines der ältesten Gebäudeteile der Anstalt. "Der Mann hatte aber nicht damit gedroht, zu springen", sagt Justizsprecher Karsten Dissmann. Stattdessen forderte der Häftling zunächst ein Gespräch mit der Presse sowie ein Handy. "Er wollte öffentlich Aufmerksamkeit erregen", sagt Dissmann.

Seelsorger betreut Häftling weiter

Der Gefängnis-Seelsorger und ein Justizmitarbeiter redeten mit dem 32-jährigen Litauer, der gut Deutsch spreche. Dabei äußerte er den Wunsch, nach Litauen verlegt zu werden. "Man hat ihm erlaubt, ein Telefonat mit seiner Familie zu Hause zu führen", erzählt Karsten Dissmann. Daraufhin verließ der Häftling in Begleitung von JVA-Mitarbeitern das Dach. Er wurde zurück in seine Zelle gebracht und dort weiter von einem Seelsorger betreut.

Offenbar habe sich der Insasse gezielt auf diese Aktion vorbereitet, heißt es aus dem Justizministerium weiter. Es sei bekannt, dass der zierliche Mann "durchtrainiert" ist. Er treibe in der Anstalt regelmäßig Sport.

Erster Fall in MV: Überraschungsmoment

Der 32-Jährige wurde im Februar 2009 vom Zoll in Rostock wegen illegaler "Einfuhr von Betäubungsmitteln in nicht unerheblicher Menge" festgenommen. Seitdem saß er in Untersuchungshaft in Bützow. Erst vor wenigen Wochen wurde der litauische Staatsbürger zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt. Im Februar 2013 endet seine Haftzeit in Deutschland. "Hier gilt das Tatortprinzip", sagt Justizsprecher Karsten Dissmann.

Von einer Panne seitens der Justiz will im Moment niemand sprechen. Der Häftling hatte offenbar das Überraschungsmoment auf seiner Seite. "So einen Fall hatten wir in Mecklenburg-Vorpommern bisher nicht. Wer kommt schon darauf, dass jemand einen Blitzableiter hinaufklettert", sagt Karsten Dissmann. Die Dächer der Haftanstalten im Land seien kein Sicherheitsproblem. Nicht zum ersten Mal flüchten sich Häftlinge in deutschen Gefängnissen auf Anstaltsdächer. Für Aufsehen sorgte vor drei Jahren der Fall eines Sexualstraftäters in Dresden, der 20 Stunden ausharrte.

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