Güstrower AWG-Chef war Stasi-Spitzel

Dicht an der Macht: Beim Treffen von Helmut Schmidt und Erich Honecker 1978 in Güstrow war Norbert Karsten (2.v.l.) dabei.Foto: Archiv
Dicht an der Macht: Beim Treffen von Helmut Schmidt und Erich Honecker 1978 in Güstrow war Norbert Karsten (2.v.l.) dabei.Foto: Archiv

Den Chef der Allgemeinen Wohnungsgesellschaft Güstrow, Norbert Karsten, holt seine Vergangenheit ein: Die Birthler-Behörde benennt ihn als Stasi-IM "Karl Friedrich". Beleg: 1989 diskreditierte Karsten die Güstrower Familie Ohde in einem Bericht an die Staatssicherheit.

von
10. Dezember 2008, 09:01 Uhr

Güstrow | Kerstin Köhler, die vor 20 Jahren Ohde hieß, ist auch Wochen nach Einsicht in ihre Stasi-Akte geschockt. Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen der DDR-Staatssicherheit teilt ihr mit: Für einen Inoffiziellen Mitarbeiter Beobachtung (IMB), der auf sie angesetzt war, sei der Klarname ermittelt: Norbert Karsten. Der 60-Jährige ist heute Vorstandsvorsitzender der Allgemeinen Wohnungsgesellschaft Güstrow (AWG). Am 23. März 1989 war er laut Stasi-Akte als IM "Karl Friedrich" aktiv: Demnach übermittelte er mündlich an seinen Führungsoffizier einen Bericht über Kerstin Ohde und ihren Mann Hartmut. Ausführlich schildert er, wie das Ehepaar offen über eine Ausreise in die BRD rede. Zitat: "Es ist festzustellen, dass der Mann dies mit einer gewissen Zurückhaltung, aber auch mit einer gewissen Plumpheit betreibt. Der aktivere Teil in der Öffentlichkeit ist die Frau Ohde." Ihr attestiert IM Karl Friedrich "Unstätigkeit" (Unstetigkeit) bei der Arbeit. Sie sei sehr auf ihren Vorteil bedacht. Er beobachte "ein hohes Maß an Aggressivität und Unkontinuität und doch Berechnung". Das Protokoll ist Teil der Stasiakte über Kerstin und Hartmut Ohde, die mehr als 50 Seiten umfasst. Diese dokumentiert die Stasi-Überwachung der Familie als Vorgang "Renitenz".

Das Ehepaar, damals Anfang 30, hatte einen Ausreiseantrag gestellt. Am 2. Juni 1989 durfte es dann in einer Nacht-und-Nebel-Aktion über die Grenze - mit zwei Kindern, neun und elf Jahre alt. "Wir durften uns von niemandem verabschieden", erinnert sich Kerstin Köhler, die heute in Roth wohnt. Köhler, damals Ohde, war 1989 im volkseigenen Einzelhandelsbetrieb Güstrow/Bützow tätig. Ein Vorgesetzter sei Karsten gewesen.

Norbert Karsten bestätigt: Er sei etwa zehn Jahre lang IM gewesen. An den Fall Ohde könne er sich aber nicht erinnern. Seine Vergangenheit habe er versucht aufzuarbeiten: Er war Kopf des Kirchgemeinderates der Domgemeinde. In dieser Funktion tauchte er auf einem Foto zum Besuch des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt in Güstrow auf. Er habe sich seiner Verantwortung gestellt, so Karsten, und den Kirchenleuten nach der Wende reinen Wein eingeschenkt. "Es war ein Teil meines Lebens. Es tut mir außerordentlich leid." Gern rede er jetzt auch mit Kerstin Köhler.

Heiko Lietz, früherer Bürgerrechtler, erklärt: Karsten sei "einer der wenigen IM, die sich bekannt haben". Aufarbeitung sei aber weiterhin nötig. Lietz: "Das muss benannt werden."

Kerstin Köhler fragt: Wie könne es sein, dass Norbert Karsten heute wieder an Machthebeln sitzt? "Die AWG ist eine Gesellschaft, in der hauptsächlich Familien sind. Ich zittere am ganzen Leib, wenn ich daran denke, dass er mit sensiblen Daten umgeht."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen