Flüchtlinge in MV : Zwischen Angst und Einsicht

Rund 200 Menschen wollten am Montagabend wissen, was sie erwartet, wenn künftig Flüchtlinge in Diekhof und Pölitz untergebracht werden.
Rund 200 Menschen wollten am Montagabend wissen, was sie erwartet, wenn künftig Flüchtlinge in Diekhof und Pölitz untergebracht werden.

Auch in Diekhof und Pölitz kommen künftig Flüchtlinge unter / Riesiges Interesse an Infoveranstaltung in Gemeinde

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23. September 2015, 07:00 Uhr

Im Dorfgemeinschaftshaus drängen sich die Menschen. Der Saal ist voll, der Zustrom reißt nicht ab, wollen doch alle hören, wie und warum Flüchtlinge und Asylbewerber nun auch in Diekhof und Pölitz untergebracht werden sollen. Der Bürgermeister lud am Montagabend zu einer Informationsveranstaltung ein. Als auch der Flur voller Menschen ist, erschallt der Ruf, doch die Sporthalle zu öffnen. Die Stimmung ist gereizt. Jemand will sich absichtlich ausgeschlossen fühlen. Mit 150 Menschen hatte Bürgermeister Rolf Matschinsky vielleicht gerechnet, rund 200 waren wohl gekommen. Mit Stühlen und Bänken zieht man in die Sporthalle um.

Schon nach zwei Sätzen wird Bürgermeister Matschinsky von einem Zwischenruf unterbrochen: „Fragt uns einer, ob wir die wollen?“ Die Flüchtlinge, die ins Land strömen, wolle und müsse man sicher unterbringen, betont Matschinsky und bittet um Toleranz. „Die Situation ist so. Wir müssen uns dem stellen“, sagt Rainer Boldt. Von etwa 20 000 Flüchtlingen und Asylbewerbern, die in diesem Jahr MV erreichen werden, habe der Landkreis Rostock 16 Prozent – rund 3000 Menschen – ein Dach über dem Kopf zu geben, informiert der Dezernent der Kreisverwaltung und legt erst einmal die Fakten auf den Tisch: Zentral und dezentral könne der Landkreis derzeit rund 2000 Plätze – Betten – für Flüchtlinge und Asylbewerber anbieten, 300 Plätze davon in Notunterkünften (Schule, Sporthalle). Vorgesehen sei die Anmietung von 20 Wohnungen in Diekhof und Pölitz. Es sei mit rund 60 Flüchtlingen und Asylbewerbern in Diekhof und Pölitz zu rechnen.

Erwartung: gegenseitiger Respekt

Der Landkreis mietet von der Gemeinde die Wohnungen. Nebeneffekt: Die finanzielle Situation der Gemeinde – hauptsächlich verursacht dadurch, dass die Gemeinde Sanierungskredite bedienen muss, wobei Mieteinnahmen fehlen – könnte sich verbessern. „Wir versuchen immer, in den Dörfern Familien unterzubringen, können dies aber nicht garantieren“, betont Boldt. Die soziale Betreuung übernehme der Landkreis. Bei 60 Personen sei dafür knapp eine Personalstelle vorgesehen. Hauptsächlich kämen derzeit Syrer und Ukrainer, aber auch Menschen aus Russland, Armenien, Afghanistan, dem Irak und Ägypten. Durchschnittsalter: 25 Jahre. 30 Prozent seien Kinder und Jugendliche, 60 Prozent Männer, 30 Prozent alleinstehend. Boldt weiter: „Meine Erwartung: gegenseitiger Respekt. Mein Wunsch: auf einander zugehen und die neuen Bürger möglichst ins Gemeindeleben integrieren. Ich denke, dass das auch in Diekhof möglich sein kann.“

Fragen: Versorgung, Sprache, Sicherheit

Bedenken, Sorgen, Ängste packten Bürger auf den Tisch: Wie sollen die Menschen versorgt, wie sprachliche Probleme bewältigt werden? Wer zahlt das alles? Am Ende stünden Steuererhöhungen für alle, so die Befürchtung. Wie lange dauert es, bis die Polizei aus Bützow nach Diekhof kommt, wenn es brenzlig wird?

Ihre Versorgung organisieren die Flüchtlinge selbst. Kinder würden die Integrationsklassen in der Güstrower Schule am Inselsee oder eine Kita besuchen und dort schnell Deutsch lernen. Viele würden englisch sprechen und sich so verständigen können, antwortete der Dezernent des Landkreises. Polizeihauptkommissar Dirk Höhlein, Leiter des Bützower Polizeireviers, räumte ein, dass Bützow weit weg sei, ließ aber keinen Zweifel daran, dass man „jeder Zeit in der Lage ist, Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten“. Er verwies auf eine Kontaktbeamtin in Laage, vier Beamte auf dem Flughafen und eine Zusammenarbeit mit den benachbarten Revieren Güstrow und Teterow.

Ein Bürger wollte darüber diskutieren, ob man all die Flüchtlinge in Deutschland haben mag. Für Sätze wie: „Der deutsche Bürger hat sich zu fügen“ oder „Was können wir für die Brandherde dieser Welt?“ erhielt er Beifall. Das Gefühl etwas von oben aufgedrückt zu bekommen, keine Entscheidungsfreiheit zu haben, erinnerte manchen in der Sporthalle an DDR-Zeiten, ließ einige an einer funktionierenden Demokratie zweifeln. Für Grundsatzdiskussionen aber sei Diekhof nicht der Ort, so Matschinsky und Boldt.

Unterstützung bekamen sie von jenen, die sich bereits Gedanken darüber machen, wie man den Flüchtlingen in Diekhof helfen kann. So hörten die Diekhofer von einem Helfer, der syrische Flüchtlinge in Striesdorf unterstützt, davon, wie man sich in Laage um Deutschunterricht kümmert.

Hoffnung: Bürger bieten ihre Hilfe an

„Für uns alle ist es eine ganz neue Situation, aber es macht auch Spaß zu helfen und es lohnt sich“, sagte Matthias Auer aus Laage. Er gehört zum Netzwerk „Laage hilft“, über das Laages Bürgermeisterin Ilka Lochner-Borst informierte. Das Netzwerk wolle im gesamten Amtsbereich tägig werden. In Striesdorf sei Hilfe organisiert. In Weitendorf hätten sich Patenfamilien für die dort zu erwartenden Flüchtlingsfamilien gefunden. Im Laager Rathaus werden täglich Sach- und Kleiderspenden, Fahrräder oder Kinderwagen abgegeben, informiert Lochner-Borst und ermuntert mitzumachen. Sie verließ die Veranstaltung nicht ohne Hoffnung. Zehn Bürger hatten ihr sofort ihre Mitarbeit im Netzwerk „Laage hilft“ angeboten.

Wann Flüchtlinge nach Diekhof und Pölitz kommen, steht noch gar nicht zur Debatte. Erst müssen die Wohnungen gemietet und ausgestattet werden.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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