zur Navigation springen

Erster Weltkrieg : Zweite „Stadt“ vor Güstrows Toren

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

100 Jahre Kriegsgefangenenlager Güstrow Bockhorst / Neue Serie von Ulrich Schirow (Teil 1)

Der Erste Weltkrieg war erst wenige Wochen alt, da erging am 20. September 1914 ein amtliches Schreiben des Stellvertretenden Generalkommandos des IX. Armeekorps mit Sitz in Hamburg Altona an das Ministerium des Innern in Schwerin auf den Exerzierplätzen in Parchim und Güstrow Barackenlager zur Unterbringung von je 10 000 Gefangenen zu errichten. Beide Militärkontingente – in Güstrow das 24. Holsteinsche Feldartillerieregiment mit drei Abteilungen und neun Batterien, sowie einem Wachbataillon – gehörten damals zum IX. Armeekorps. „In nächster Woche treffen voraussichtlich 5-6000 Gefangene ein, als Unterkünfte kommen bis zur Erbauung fester Baracken Zelte in Betracht“, hieß es in dem Schreiben.

Schon in den ersten großen Schlachten an der Ost- und Westfront machte das deutsche Heer mehrere 100 000 Gefangene, die im Reich untergebracht werden mussten. Die notwendigen Unterkünfte schufen auf der Großen Bockhorst in Zusammenarbeit mit den eintreffenden Gefangenen mehrere Güstrower Holzwerke. Im Verlauf der nächsten Monate wurden insgesamt 250 Baracken aufgestellt, in denen je 100 Gefangene untergebracht werden konnten. Unterbringung, Versorgung, Arbeitsbeschaffung, Transport, Müllbeseitigung, kulturelle und sportliche Betätigungsmöglichkeiten für die Gefangenen und deren Bewachung in kürzester Frist stellten eine hohe logistische Herausforderung dar.

Neben den Wohnbaracken errichtete man zwei Kirchenbaracken, eine russisch-orthodoxe und eine katholische Kirche. Bäckerei, Tischlerei, Schuhmacherei, Schneiderei, mehrere Küchen, ein Lazarett, eine Badeanstalt, Schmiede, Postbaracke, Sportplatz und ein Bildhaueratelier. So war am Rande Güstrows mit seinen knapp 20 000 Einwohnern eine zweite „Stadt“ für 25 000 Kriegsgefangene entstanden. Die Gefangenen kamen aus vielen europäischen, mit Deutschland verfeindeten Ländern, waren vorwiegend Russen, Franzosen, Briten und Belgier. Von der Hauptbahnlinie Güstrow-Primerburg führte ein Nebengleis an das Gefangenenlager. Im Lager selbst wurde eine Feldbahn gebaut.

Schwerstverwundete waren im Güstrower Garnisonslazarett in der Schwaaner Straße untergebracht, das 1905 für die Artilleriegarnison erbaut worden war. An der Nordseite des Lagers wurde für die inzwischen vielen gestorbenen Gefangenen ein Friedhof eingeweiht, der 1918 ein Ehrenmal erhielt.



zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen