Reinshagen : Zurück in die Mitte der Gemeinde

Mit einer Sänfte trugen Gemeindemitglieder die Gedenktafel gestern vom Flüchtlingsfriedhof in Gremmelin zum Kirchfriedhof in Reinshagen. Pastorin Friederike Jäger führte die Lichtprozession mit zahlreichen Teilnehmern an.  Fotos: Jens Griesbach
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Mit einer Sänfte trugen Gemeindemitglieder die Gedenktafel gestern vom Flüchtlingsfriedhof in Gremmelin zum Kirchfriedhof in Reinshagen. Pastorin Friederike Jäger führte die Lichtprozession mit zahlreichen Teilnehmern an. Fotos: Jens Griesbach

Kirchgemeinde Reinshagen errichtet Gedenktafel und erinnert an Schicksal der Flüchtlinge, die nach Zweitem Weltkrieg ins Dorf kamen

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10. November 2014, 06:00 Uhr

Die kleine Kirchgemeinde Reinshagen beweist angesichts aktueller Flüchtlingsdramen historisches Bewusstsein und demonstriert, wie generationsübergreifende Geschichtsaufarbeitung funktioniert: Mit einem symbolischen Akt bat die Kirchgemeinde gestern um Verzeihung. Sie entschuldigte sich bei den zahlreichen Vertriebenen, die mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges aus den deutschen Ostgebieten nach Reinshagen strömten und hier eine neue Heimat suchten. Weil sie nicht „dazu gehörten“ wurden diese Flüchtlinge nicht direkt bei der Kirche in Reinshagen begraben, sondern zum großen Teil auf dem extra angelegten „Neuen Friedhof“ in Gremmelin. Gestern wurden sie mit einer Lichtprozession „zurückgeholt“ in die Mitte der Gemeinde. Vom Flüchtlingsfriedhof Gremmelin, von dem nur noch Reste zeugen, trugen die Gemeindemitglieder eine Gedenktafel für die Vertriebenen zum Kirchfriedhof Reinshagen und brachten sie dort an.

Die gestrige Einweihung der Gedenktafel bildet den Abschluss einer langen Auseinandersetzung in der Kirchgemeinde mit der Geschichte des in den 1960er-Jahren stillgelegten „Neuen Friedhofs“ in Gremmelin und des Geschichtsprojektes „Flüchtlinge in unserer Region“, schildert Pastorin Friederike Jaeger. „Wir haben viele Interviews geführt mit ehemaligen Flüchtlingen, die in der Kriegs- und Nachkriegszeit in unsere Region kamen, bzw. mit deren Angehörigen und Nachfahren“, sagt sie. Dabei wurde deutlich: „Viele, deren Angehörige auf dem ,Neuen Friedhof’ beerdigt wurden, fühlten sich verletzt, ausgegrenzt und abgeschoben. Weil sie, nachdem ihnen der Krieg die Heimat genommen hatte, auch hier bei uns keinen Ort fanden, an dem sie sich zu Hause fühlen konnten. Weil ihnen das Begraben-Werden auf dem ,Neuen Friedhof’, abseits der Kirche, zeigte, dass sie Fremde waren, nicht Aufgenommene“, schildert die Pastorin. Die Gedenktafel, die gestern von Gremmelin nach Reinshagen gebracht wurde, bedeute in den Augen der Kirchgemeinde und des Kirchgemeinderats zweierlei: „Wir holen die, die dort in Gremmelin begraben wurden, hierher auf den Platz gegenüber dem Eingang unserer Kirche, und wir bitten die, die von uns als Kirchengemeinde verletzt wurden, um Verzeihung“, sagt Pastorin Jaeger.

Die Flüchtlinge seien damals von den Dorfbewohnern als „Fremdkörper“ empfunden wurden. „Sie hatten die Flucht hinter sich und befanden sich in einem Zustand völliger Entwürdigung“, so Friederike Jaeger. Doch auch für die Einheimischen sei es schwer gewesen. „Von ihnen wurde viel Toleranz gefordert, die zahlreichen Flüchtlinge aufzunehmen.“ An diese für das Dorf einschneidende Zeit erinnert jetzt die Gedenktafel. „Wir brauchen das Gedenken, um uns versöhnen zu können“, sagt die Pastorin.


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