Asylbewerberheim in Güstrow : Zu Hause im Krieg, hier in Sicherheit

Mitte April kommen die ersten Asylbewerber ins neue Heim in Güstrow-Dettmannsdorf - es gibt Platz für 124 Frauen, Männer und Kinder. Fast alle haben Terror, Leid und Verfolgung erlebt.

svz.de von
13. März 2013, 06:05 Uhr

Güstrow | Sie kommen aus Kriegsgebieten wie Afghanistan, wurden als Christen in ihrem Heimatland verfolgt, haben Familienangehörige verloren, Kinder wurden auf der Flucht von ihren Eltern getrennt, sie haben Terror, Leid oder Verfolgung hinter sich - doch demnächst werden sie in Güstrow in Sicherheit sein. Ab Mitte April sollen die ersten Flüchtlinge in das neue Asylbewerberheim in Dettmannsdorf einziehen, informierte jetzt Rainer Boldt, stellvertretender Landrat. "Der Mietvertrag für das Heim im Waldweg ist von beiden Seiten unterschrieben", sagt er. Platz für 124 Frauen, Männer und Kinder gibt es hier. "Die Asylbewerber werden aber nicht alle auf einmal kommen, sondern nach und nach", so Boldt.

Lediglich 260 Asylbewerber bei 215 000 Einwohnern

Die Asylbewerber werden dem Kreis vom Land zugewiesen. Wie viele, das hängt von der Einwohnerzahl sowie der Fläche des Landkreises ab, erläutert Nicolle Lurtz von der Ausländerbehörde des Landkreises. Nach der Kreisfusion wurde diese Quote neu berechnet. Im Gegensatz zum Landkreis Bad Doberan gab es im Kreis Güstrow bei der Fusion keine Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber mehr. Vor zehn Jahren existierten im Altkreis Güstrow noch fünf Heime mit 700 Plätzen. "Auf diese hohe Zahl werden wir aber nicht mehr kommen", sagt Boldt. Aktuell bestehe jedoch ein Aufnahmedefizit von 160 Menschen. Im Vergleich zu anderen Kreisen würde der Landkreis Rostock aber bei der Aufnahmequote im Mittelfeld liegen. "Das überfordert den Landkreis nicht", ist Nicolle Lurtz überzeugt. Unter den rund 215 000 Einwohner im Kreisgebiet leben derzeit lediglich 260 Asylbewerber.

Die meisten von ihnen im Asylbewerberheim in Bad Doberan. Die Menschen hier kommen aus 20 Ländern, vor allem aus Afghanistan, dem Iran, Westafrika und dem Kaukasus. Beim Großteil läuft das Asylverfahren und sie warten auf die Anerkennung ihres politischen Asyls. Für die Dauer dieses Verfahrens haben sie eine Aufenthaltsgestattung. Arbeiten dürfen sie während des ersten Jahres in Deutschland nicht, erklärt Kathrin Braun, Leiterin des Asylbewerberheims in Bad Doberan. Sie gehört zu den Maltesern und betreut das Heim mit fünf Mitarbeitern. Auch in Güstrow soll eine Wohlfahrtsorganisation die Betreuung des Heimes übernehmen. Verhandlungen von Seiten des Kreises dazu werden vorbereitet.

Asylbewerber kommen bei Arbeit ganz zum Schluss

Das Vorurteil, dass Asylbewerber Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen würden, hat Kathrin Braun oft gehört, widerlegt es aber zugleich: "Nach einem Jahr dürfen Asylbewerber hier arbeiten, aber nur wenn sie einem Deutschen nicht den Arbeitsplatz wegnehmen." Es werde in jedem Einzelfall geprüft, ob ein bevorrechtigter deutscher Arbeitnehmer diese Tätigkeit genauso ausüben könnte. Wenn das der Fall sei, bekomme der Deutsche den Job. "Das haben wir oft in der Praxis", sagt Kathrin Braun. Bei dieser Vorrangprüfung komme der Asylbewerber immer ganz am Schluss. Bevorzugt würden zunächst nicht nur Deutsche, sondern auch EU-Bürger und Ausländer mit einer Aufenthaltserlaubnis.

Voraussetzung für eine Arbeit sei dabei auch, wie der Asylbewerber seinen Mitwirkungspflichten nachkomme, z.B. bei der Beschaffung von Dokumenten, so Nicolle Lurtz. "Er muss jeder Aufforderung der Ausländerbehörde nachkommen", erklärt sie die strengen Auflagen. Zudem müssen Flüchtlinge ihren Wohnsitz in der Gemeinschaftsunterkunft nehmen, ohne Genehmigung der Behörde dürfen sie MV nicht verlassen. Die Leistungen für die Asylbewerber liegen noch unter dem Hartz-IV-Satz. Ein Teil wird noch für Energie abgezogen, vom Rest müssen sie sich selbst verpflegen. "Asylbewerbern, die schon länger hier sind, kann die Leistung zudem gekürzt werden, wenn sie nicht ordentlich mit uns zusammenarbeiten", sagt Nicolle Lurtz.

Kinder in Kitas und Schulen gut integriert

Kathrin Braun arbeitet und lebt in Bad Doberan täglich mit den Asylbewerbern zusammen. "Wir helfen ihnen, mit einem Leben in völlig fremder Umgebung zurechtzukommen, z.B. bei Behördengängen, der Verlängerung der Aufenthaltsgestattung und bei Sprachkursen", sagt sie. Sprachkurse werden direkt im Doberaner Heim angeboten. So soll es auch in Güstrow laufen. "Die Nachfrage ist groß, die Asylbewerber wollen Deutsch lernen. Viele kommen aus der Mittelschicht." Die Kinder gehen in die Kitas und Schulen der Umgebung. "Hier haben wir bisher nur positive Rückmeldungen bekommen. Die Kinder lernen sehr schnell, integrieren sich gut", weiß Kathrin Braun aus Erfahrung. Auch mit den Bewohnern im Umfeld des Asylbewerberheims habe es bisher keine Konflikte gegeben. Und das Heim besteht bereits seit zehn Jahren. "Auch der Doberaner SV freut sich. Viele Asylbewerber treiben hier Sport", sagt sie.

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